Ein bisschen wie Kanada. Höher und höher zuckelt die Waldbahn, dichter und dichter
wirbeln die Flocken. Man ist erstaunt, als aus dem Schneegestöber
doch noch eine Bahnstation auftaucht - Bayerisch Eisenstein. Hier
oben auf über 700 Meter wird Winterschlaf gehalten. Der Bahnhof
ist menschenleer, in der Gastwirtschaft döst der Wirt. Das
historische Bahnhofsgebäude im Fachwerkstil gehört zu
einer Hälfte zu Deutschland und zur anderen zu Tschechien,
aber die Grenzbeamten lassen es ruhig angehen; kaum, dass sie
einen Blick in den Pass werfen wollen. „Bis 1989 war das
anders, damals verlief der Eiseme Vorhang durch den Bahnhof, erinnert
sich Erwin Aschenbrenner an die Zeit, als der „Zaun"
durch den Bahnhof noch eine vielbesuchte Hauptattraktion des
Dorfes war.
Eine Stunde braucht der Bus über verschneite Straßen,
durch nachtdunkle Wälder bis hinauf nach Filipova Hut (Philippshütten).
Die höchstgelegene Siedlung des Böhmerwaldes (1100 Meter)
hat elf Einwohner und besteht aus fünf Häusern. Eines
davon ist unsere Unterkunft - die „Hajenka", bis in
die 1990er-Jahre ein verfallenes Forsthaus, heute eine gemütliche
Pension.
Am Morgen genießen wir den Panoramablick über das weite
Hochplateau. Wir sind mitten im Nationalpark Böhmerwald.
Sumava, die Rauschende, nennen die Tschechen ihn poetisch. Seit
einer Woche fällt fast ununterbrochen Schnee; an vielen Stellen
hat der Wmd die weiße Pracht übermannshoch aufgetürmt.
Einer zünftigen Skitour steht also nichts im Wege, aber mancher
Anfänger schaut noch zweifelnd auf die schmalen Bretter,
während die alten Langlauf-Hasen ungeduldig mit den Füßen
scharren. „Deshalb gibt es iínrner zwei Gruppen,
eine sportlichere und eine gemütlichere. "Die Ski-Greenhorns
können vor dem Start erst einmal Unterricht nehmen",
sagt Erwin Aschenbrenner. Der promovierte Philosoph hat Anfang
der 1990er-Jahre das Tourismusprojekt „Begegnung mit Böhmen"
aus der Taufe gehoben. Im Sommer werden Wanderungen, Radtouren
und Kulturreisen, im Winter Ski- und Schneeschuhtouren angeboten.
Bei allen Reisen soll ein möglichst enger Kontakt zu den
Einheimischen hergestellt werden.
Vorbei an Häuschen mit langen Eiszapfen an der Dachrinne
und säuberlich gestapeltem Brennholz am Eck ziehen wir zum
nahen Wald. Erwin macht die Spur, die anderen folgen im Gänsemarsch.
In flotten Tempo steigen wir hügelan und geraten das erste
Mal ins Schwitzen. Es gilt, die Skier weit gleiten zu lassen und
ihren Schwung mit dem Abstoßen der Stöcke zu synchronisieren.
Leicht gesagt, murrt mancher Neuling und macht mangelnde Eleganz
mit Kraft wett. Irgendwann verfolgt man jedoch nicht mehr die
dampfmaschinenartigen Bewegungen der eigenen Füße und
Hände, sondem gibt sich ganz der verzauberten Landschaft
hin. Schneehauben liegen wie surrealistische Figuren auf Bäumen
und Sträuchern, drücken mit ihrer Last Zweige und Äste
herab, zieren die Uferränder der Flüsschen. Der Schnee
dämpft das gleichmäßige Scht-scht unserer Skier;
wenn wir anhalten, ist es stiller als still. Dieses Weiß
ist wirklich Schneeweiß - gerade die Großstädter
in der Gruppe können sich daran nicht satt sehen. Die Beschaulichkeit
des Naturparadieses mag freilich leicht darüber hinwegtäuschen,
dass die Region eine äußerst bewegte Geschichte hat.
Dalibor Hiric, unser tschechischer Tourfihrer, deutet auf Wölbungen
im Schnee - Reste einstiger Siedlungen. Der Böhmerwald war
nicht immer so menschenleer Filipova Hut beispielsweise hatte
in: 19. Jahrhundert, als die Holzwirtschaft boomte, ein Mehrfaches
an Einwohnern. Tschechen und Deutsche lebten friedlich miteinander,
bis der Nationalismus alles zerstörte. Mach dem Münchener
Abkommen von 1938 ließ Hitler die Tschechen vertreiben,
nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben Tschechen Deutsche. So war
die Gegend schon weitgehend entvölkert, als die sozialistische
Tschechoslowakei als Teil des Eisernen Vorhangs weit ins Hinterland
reichende Grenzanlagen errichtete. Heute profitiert der Tourismus
davon, dass hier die Welt einmal zu Ende war. Wegen ihrer großen,
einsamen Waldgebiete wird die Sumava unter Insidern gern auch
„Kanada vor der Haustür" genannt.
Wir stoßen auf eine breite Waldschneise mit mehreren Loipen,
eine Art Autobahn für Skilangläufer. Wie bei den meisten
der hiesigen Wege handelt es sich um eine ehemalige Militärstraße
der tschechischen Grenzposten. „Wollen wir?", fragt
Erwin und deutet gen Märchenwald. Natürlich wollen alle;
fortan wird querfeldein gewandert. In jungfräulichem Tiefschnee
ziehen wir unsere Spur, queren Lichtungen und überwinden
Kuhlen. Einmal kreuzen wir einen eher unscheinbaren Hohlweg. „Das
ist einer der goldene,: Pfade", erklärt Dalibor. Der
„Goldene Steig"' war ein Netz von Handelsstraßen,
die seit dem Mittelalter über das Gebirge führten. Auf
diesen Grenzübergängen zwischen Bayern und Böhmen
wurden wertvolle Waren wie Salz und Glas transpordert.
Jetzt gilt es: Wir müssen eine kleine Abfahrt meistern. Der
Hügel läuft in einer scharfen Kurve aus. Erwin steht
unten und beobachtet grinsend, wie sich die Läufer aus der
Affäre ziehen. Mancher benutzt die Backenbremse - egal, der
Schnee ist weich. Ab dann fahren wir meistens leicht bergab, begleitet
vom Hammerbach, der später in das Flüsschen Vydra mündet.
Wir kommen nach Antygl, dessen,Name von der Glasmacherproduktion
herrührt. Es ist eine Verballhornung des deutschen Ortsnamens
Antiegel, mundartlich für „Ein Tiegel", denn an
diesem Platz stand eine Glashütte mit nur einem Tiegel.
Zum Mittag kehren wir in der altehrwürdigen Thurnerhütte,
einem herrlich rustikalen Gasthof, ein. Bei prasselndem Kaminfeuer
essen wir Suppe und trinken Bier. Von hier aus sind es nur wenige
Kilometer bis zum einstigen Sägewerk von Cenkova Pila (Vinzenzsäge).
Dort wird die Vidra zur Otava, die ihrerseits später in die
Moldau (Vltava) mündet. Der Komponist Bedrich Smetana war
jeden Sommer mit seiner Familie bei dem Sägewerksbesitzer,
einem Kunstmäzen, zu Gast. „DerWitz ist", erzählt
Dalibor, „dass
Smetana hier die Eingebung für seine „Moldau"
hatte, er hat die Moldau also an der Otava komponiert."
Später bietet sich uns der gespenstische Anblick eines großen
Waldgebiets mit völlig kahlen Fichten. Hier in der Kernzóne
lässt man der Natur ihren Lauf. Unklar ist, ob es gelingen
wird, die Kernzone so wie im Bayerischen Wald beträchtlich
auszudehnen.
Auf dem Rückweg schneit es wieder stärker und wir müssen
gegen scharfen Wind bergan steigen. Allmählich spüren
wir Muskeln, von denen wir bisher nichts ahnten. Am Abend in der
Hajenka tauschen wir uns bei Knödeln mit Schweinebraten mit
den Läufern aus der gemütlichen Gruppe aus. Wir sind
25 Kilometer gelaufen und haben nebenbei vieles über Land
und Leute gelemt. Sie haben die Hälfte der Strecke zurückgelegt,
aber nicht weniger Abenteuer als wir bestanden.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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Text: Aktivreisen Tschechien. |