Über
die Strudel der Otava
-Eine Reise entlang der Moldau
Auf beiden Seiten des Flusses sind saftige grüne Sommerwiesen.
Der Wind streicht durch die Laubbäume am Ufer. Die Otava, die
im Böhmerwald entspringt und in die Moldau mündet, zieht
unser Kanu ruhig in ihrer Strömung mit. Eine Idylle, denken
wir. Doch die Gischt, die wir zwanzig Meter vor uns erblicken, verspricht
Leben in den Tag zu bringen. Jaroslav, unser tschechischer Reiseleiter,
dirigiert das vorausfahrende Boot vom Ufer aus hektisch über
eine Stromschnelle und drückt im richtigen Augenblick auf den
Auslöser seiner Kleinbildkamera - geschafft! Die ersten sind
durch! Seine Gesichtsmuskulatur entkrampft sich ein wenig. Der 49jährige,
joviale Mann hat's nicht leicht mit den 13 deutschen Greenhorns
in seinem Troß, die in den kommenden Tagen die niederen Weihen
des Kanufahrens erhalten möchten.
Wir sind an der Reihe. Nicole, mein „Haken",
wie der Vorder-„Mann" von Jaroslav genannt wird, verspürt
ein Kribbeln im Bauch. Mir geht': nicht anders. Ich versuche mich
als „Hinterer" als Steuermann. Unsicher setzen wir unsere
an die vier Meter lange Kunststoffschale in Bewegung. „Nach
links, nach links!" hören wir Jaroslav vom Ufer aus rufen.
Vergeblich, die aufgewühlte Otava treibt schon ihr unberechenbares
Spiel mit uns. Ein reißendes Geräusch zieht sich am Kanuboden
entlang. Wir sind aufgefahren - genau auf den Stein, vor den uns
Jaroslav gewarnt hatte! Hat das Kanu Schaden genommen? Keine Zeit.
Durch kräftiges Schütteln löst sich das Boot schließlich,
nur um sich im tobenden Wasser ein-, zweimal zu drehen, rückwärts
weiterzufahren und mit viel Glück an die Uferböschung
zu driften. Nicole atmet erleichtet auf. „Das war stuntmanreif!"
sollte uns später attestiert werden.
Begonnen hatte unser Abenteuer, das der Regensburger Verein „Grünes
Herz Europas - Nationalpark-Region Donau-Moldau" organisierte,
schon drei Tage zuvor mit einer Radtour im Böhmerwald - im
Ursprungsgebiet der Otava (Wottawa), dem Zusammenfluß von
Kremelna (Kieslingbach) und Vydra (Widra). In der Tat hinter laßt
eine Radtour durch den Böhmerwald, dessen Kernregion als Nationalpark
geschützt ist, bleibende Eindrücke. Ganze 900 Menschen
wohnen heute in diesem Nationalpark, der eine Fläche von etwa
600 Quadratkilometern einnimmt Die-Tschechen lieben ihn, ihren Böhmerwald,
nennen ihn verklärend Sumava, „die" Rauschende.
Moorbäche, Luchse, alter Wald
Von unserem Ausgangspunkt Antýgl (Antigl) aus, einem wunderschön
gelegenen Campingplatz im Herzen des Parks, erschließen wir
uns den dichten alten Wald, der uns umgibt. Zur Zeit des Kalten
Krieges war diese Region militärisches Sperrgebiet, das weitgehend
unbewohnt, nur wenigen zugänglich war. Die Natur freiliech
konnte aus der menschlichen Abstinenz Nutzen ziehen. Heute gedeihen
hier seltene Pflanzen und Tiere, die anderswo längst ihre natürlichen
Lebensräume verloren haben, streifen durch Unterholz. Luchse,
beispielsweise, gelten im Böhmerwald mittlerweile wieder vielen
als Plage. Schwarze Moorbäche durchziehen die Landschafft -
der Lusenbach, der Rachelbach, der Hammerbach, die Widra. Mit Ehrfurcht
lauschen wir ihren Stimmen, die uns von der Einmaligkeit dieser
Gegend erzählen.
Und dennoch sind diese ersten Tage im Böhmerwald
kein bloßes Naturerlebnis, sondern auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung
für uns Deutsche. Am Wegesrand treffen wir auf schmiedeeiserne
Kreuze mit deutschsprachigen Inschriften, viele Ortsnamen klingen
„deutsch", Wege, die ins Nichts führen deuten aufehemalige
Gutshöfe hin, die dem Erdboden gleichgemacht worden sind. Déjávus.
Ungewollt stolpern wir in eine Zeitreise. Die Leiden des Zweiten
Weltkriegs werden uns 30jährigen gewahr, als hätten wir
sie selbst durchlebt.
Durch den Böhmerwald radeln, heißt auch
auf alte Wunden stoßen, Wunden, die sich Tschechen und Deutsche
vor 50, 60 Jahren, vom Nationalismus erfaßt, gegenseitig zugefügt
haben. Offenbar wird dies auch, als wir durch die Ortschaft Kvilda
(Außergefild), nahe der Moldauquelle, radeln. „Da unten
stand mein Elternhaus. In dem Gebäude vor uns war die Schule
untergebracht. Und dort, auf der anderen Straßenseite, gab
es früher ein Gasthaus, aber das ist -wie so vieles- abgerissen
worden." In den Erinnerungen eines Sudetendeutschen, der 1946
als Elfjähriger aus dem Dorf vertrieben wurde, klingt Melancholie
mit. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder reist er jedes Jahr
etliche Male in die alte Heimat. Es ist Zufall, daß wir die
beiden heute treffen. Wie sollen wir mit dieser Begegnung umgehen?
Stehen da Opfer vor uns oder Angehörige einer Volksgruppe,
die durch Provokation ihr kollektives Los selbst zu verantworten
haben? Wer denkt an die mißhandelteten Tschechen? Was geht
uns das heute überhaupt noch alles an, 50 Jahre danach?
Minus fünf Grad im August
Die Nächte sind kalt im Böhmerwald. Auch im Sommer gibt
es regelmäßig Frost. In Antýgl sinkt das Thermometer
einmal sogar auf fünf Grad unter Nul l-im August! Selbst die
hartgesottenen Outdoor-Fetischisten unter uns sind darauf nicht
vorbereitet. Doch am Morgen bringt die Sonne schnell die dünne
Eisschicht, die sich auf vereinzelten Pfützen gebildet hat,
zum Schmelzen. Mit der Temperatur steigt auch die Stimmung in der
Gruppe. Schnell noch eine Tasse tschechischen Kaffee - ist er echt,
so schwimmt viel Kaffeesatz am Boden - und dann rauf auf die Räder!
Sušice (Schütlenhofen) heißt das
erste Etappenziel, das wir nach einer grandiosen Abfahrt bald erreichen.
Dort steigen wir ab von unseren Drahteseln, um die Tour mit Kanus
fortzusetzen. Jaroslav zeigt uns ein paar grundlegende Griffe -„Mit
der einen Hand das Paddel ganz unten packen, mit der anderen das
obere Ende fest umgreifen. Und verliert mir das Paddel bloß
nicht! Es ist heilig!" Alle Mann ins Wasser. Unverichteter
Dinge tummeln sich unsere sieben Zweier-Kanus in der Otava, die
in Sušice schon deutlich breiter ist als etwa Vils und Naab.
Unsere beiden Finanzbeamten aus Nürnberg, Gerhard und Gerhard,
kommen mit den Booten sofort gut klar. Sie haben schon Erfahrung.
Wolfgang, unser zweiter Reisebegleiter, hat sowieso keine Probleme.
Auch Barbara und Martin merkt man eine Schwedentour
an. Peter hingegen, seines Zeichens Schriftsteller, scheint sich
in literarischen Gewässern sicherer zu fühlen. Seine französische
Begleiterin Bénédict hatte offenbar am Radfahren ebenfalls
mehr Spaß. Im Laufe der nächsten Tage sollten sie sich
aber alle zu Könnern entwickeln.
Kanufahren-große Liebe der Tschechen
Kanufahren ist Nationalsport in Tschechien. Das wird auch auf einer
Tour entlang der Otava offenkundig. An ihren Ufern befinden sich
zahlreiche, einsam gelegene Campingplätze. Angefahren werden
sie fast ausnahmslos von Kanuten. Ihre sanitären Einrichtungen
lassen leider zumeist zu wünschen übrig. In den seltensten
Fällen können die oft verschmutzten Toiletten verschlossen
werden. Viele Gäste entscheiden sich daher in ihrer Not für
einen kurzen Abstecher in den Wald. Aber Vorsicht beim Auftreten!
Auch Dusch-Enthusiasten kommen auf tschechischen Campingplätzen
nicht unbedingt auf ihre Kosten. Doch wer zu hohe Ansprüche
stellt, ist in einem Hotel wohl ohnehin besser aufgehoben. Romantiker
hingegen finden sich bestimmt in ihrem Element wieder. Abendessen
etwa gibt's nur, falls man sich rechtzeitig um Brennholz kümmert.
Das grillt dann aber nicht nur Steaks und Würstchen, sondern
schürt bis spät in die Nacht ein wärmendes Lagerfeuer
- unter sternenklarere Himmel!
Nationalheld Jan Zika
Eine wichtige Station auf unserer Otava-Tour ist die Burg Rabí.
Sie zählte einst zu den mächtigsten Burganlagen Böhmens
und hatte die strategische Aufgabe die Salzhandelswege zu sichern.
Das kostbare Mineral wurde lange Zeit vorrangig aus der Gegend um
Bad Reichenhall bezogen. In der Burg lebten ständig 300 Soldaten
und Bedienstete. Bedeutung erlangte sie auch als Bastion des Hussitenführers
und tschechischen Nationalhelden Jan Zika, der im 15. Jahrhundert
gegen die kaiserlichen Truppen zu Felde zog und Kaiser Sigismund
empfindliche Niederlagen zufügte. Ein monumentales Denkmal
Zikas findet sich zirka 40 Kilometer entfernt bei dem Örtchen
Sodomer. Es erinnert an ein Gefecht, aus dem Zikas Mannen,
obwohl sie zahlenmäßig deutlich unterlegen und viel schlechter
ausgerüstet waren, siegreich hervorgingen.
Immer wieder Wehre auf der Otava
Unser Weg entlang der Otava ist nicht unbeschwerlich. 15 Kilometer
legen wir im Schnitt täglich zurück, einmal sogar 23.
„Das ist schon recht ordentlich" lautet dazu Jaroslavs
schlichter Kommentar. Immer wieder müssen wir aussteigen und
unsere Kanus über kleine Staustufen bringen. Oft können
wir die Boote an einer Schnur einfach über das Wehr gleiten
lassen. Manchmal aber müssen Boot und Gepäck einige Meter
getragen werden. An einem Tag wiederholt sich diese Prozedur dreizehnmal.
Da müssen alle mithelfen. Das schweißt zusammen.
Zeltplatz bei Pisek. Die Sonne spendet hinter Buchen
und Birken versteckt, ihr letztes abendliches Licht. Leise plätschert
die Otava vor uns dahin. 40 Zentimeter ist sie hier bestenfalls
tief. Zu seicht für die Schwimmer unter uns. Es reicht gerade
für ein kühles Bad. Die ersten Flaschen Bier machen die
Runde. Einige von uns sind im Wald, Holz holen. Wolfgang bereitet
die Feuerstelle vor, während Jaroslav mit einem Spaten ein
kleines Erdloch aushebt. Später wird er glühende Steine
aus dem Feuer holen, sie ins Erdloch geben und in Staniol verpacktes
Fleisch dazwischenlegen. Wir freuen uns alle auf den Leckerbissen.
Derweil spielen in der Ferne einige junge Tschechen traditionelle
Volksweisen auf ihren Gitarren, singen dazu und lassen sich von
den tiefen Bässen eines Cellos begleiten. Romantik entführt
uns in eine unwiederbringliche Nacht.
Am nächsten Morgen bin ich als erster auf, bereit für
die verbleibenden Kilometer. Tau überzieht mein Zelt, Nebelschwaden
verdecken den Blick zur Otava. Aus dem Nachbarzelt dröhnt gleichmäßiges,
zufriedenes Schnarchen. Neben den Kanus stehen die wasserdichten
Molkereitonnen, die uns in den letzten Tagen als Gepäckbehälter
gute Dienste erwiesen haben. „Heute packen wir sie zum letzten
Mal", denke ich etwas melancholisch und lausche dem beruhigenden
Rauschen der Otava, dem Fluß, der mir eine Woche Heimat war...
Reiner Wittmann, Reisen entlang der Moldau
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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