Erlesene
Heiterkeit
Das rechte Wort zur rechten Zeit am rechten Ort. »Stoßen
wir an, und trinken wir`s still aus«, zitiert Arthur den mährischen
Lyriker Jan Skácel, »keinem erzählen wir, was
der Wein von uns weiß.« Stoßen wir an, an diesem
sonnigen Spätnachmittag auf einer Terrasse im südmährischen
Weintdorf Pavlov. Füllen wir die Gläser noch einmal aus
den schweren Zweiliterflaschen, die Svaropluk, der Freizeitwinzer,
in seinem schwarz verschimmeltem Keller immer wieder aufs Neue füllt.
Nur mit dem stillen Austrinken hapert es schon ein wenig. Heinrich
brilliert mit Karl-Valentin-Szenen, Hermann trägt jüdische
Geschichten vor, tschechische Geschichten, Polizeiwitze, Anzüglichkeiten.
Alles schwirrt durcheinander, und wer schweigt, tut es nur, weil
er sich gerade Schmalzbrot und Frischkäse in den Mund stopft
und mit noch mehr Wein nachspült. Selbst das Damenquartett
aus dem Schwäbischen genehmigt sich jetzt - mitten am Tag -
ein Gläschen. Langsam rückt die Sonne weiter, der Wein
funkelt, Svatopluk, der sein Geld mit Sprechrollen beim tschechischen
Rundfunk verdient, rezitiert mit samtener Reibeisenstimme Gedichte,
und Otto breitet in einem Anfall jugendlichen Ungestüms die
Arme aus und verkündet: »Da möchte man plötzlich
alle Frauen umarmen!« Ja, das muss die mährische Heiterkeit
sein.
14 Reisende sind wir, alle jenseits der 50, aus ganz unterschiedlichen
Regionen Deutschlands. Schulleiter, Seelsorger, Ärzte, Designer,
Therapeuten, Beamte und hier und jetzt Wanderer, Leser, Weintrinker:
Lebensgenießer allesamt. Dazu kommen zwei Reiseleiter, die
übersprudeln vor Begeisterung und diese vom ersten Tag an auf
uns übertragen: Arthur Schnabl, der belesene Germanist und
Komödiant aus Regensburg, und die 27-jährige Pragerin
Lenka Hubackevá, ebenso energische wie seelenvolle Vertreterin
ihres Landes. Sie wollen uns Mähren näher bringen, jenes
zunächst nicht besonders spektakuläre, in weiten Teilen
einfach platte Gebiet im Süden und Osten Tschechiens, und seine
Dichter, Vertreter der drei Kulturen die den Landstrich prägten:
der tschechischen, der jüdischen und der deutschen.
Begonnen hatte die Reise vor fünf Tagen mit einer Wanderung
durch die graue Landschaft des mährischen Karst und einem Besuch
im Städchen Olomouc, dem einstigen Olmütz. Kilometerlang
hatte die Autobahn schnurgerade bis durch die Ebene der Haná
geführt. Als die Ostfriesen Mährens gelten die Bewohner
dieser Region, und ein Bauer aus der Haná soll es auch gewesen
sein, der, überwältigt von der Liebe, einst das erste
tschechische Gedicht überhaupt schuf. >Als ich heim vom
Jahrmarkt ging, kauft` ich eine Gurke dir. Und das alles nur, weil
du eine Brave bist.,,
Schuberts hübsche "Forelle"
Olomouc ist eine barocke alte Bischofsstadt mit ein paar klassizistischen
Bauwerken. Einst residierten hier die grauen Eminenzen der böhmischen
Könige. Heute empfängt die Stadt ihre Besucher farbenfroh.
Mit lila angestrichenen Laternenmasten, blühenden Magnolien,
cremegelben Fassaden and schwarzen Denkmalsfiguren. Weit sind die
Plätze, lassen Raum für Licht und Luft. Studenten sitzen
um die Dreifaltigkeitssäule. Oben am Rathaus wandern mittags
zum Glockenspiel aus realsozialistischen Zeiten der Arzt, der Mechaniker,
die Sportlerin, der Landmann und andere Werktätige im Kreis
herum. Am Ende kräht ein Hahn, es ist aber nur ein müdes
Tröten.
Hinter der Mauer einer Jugendstilvilla sind Handwerker zugange.
Ohne zu zögern, klingelt Lena, die Gruppe darf ins Foyer, wo
sie ein golden funkelndes Eingangsmosaik, ein bleigefasstes Fenster
aus Buntglas und einen eisernen Kamin zu sehen bekommt. Gustav Klimt
hatte die Villa des Herrn Primavese, Börsenspekulant aus Wien,
zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ausgestaltet. Lange verkam sie,
jetzt wird renoviert, wie der heutige Besitzer, der alte Herr Dvorácek,
sagt.
Solche spontanen Abstecher, aber auch wohl geplante
Überraschungen machen die Reise so abwechslungsreich, in der
Sankt-Mauritius-Kirche wartet, unangekündigt Professor Schindler,
der Organist - auf dieser Reise soll auch die Musik nicht vernachlässigt
werden. Er zeigt uns die Orgel, die Michael Engler aus Breslau zwischen
1740 und 1745 erbaute, damals die größte Mitteleuropas.
Nach dem Umbau 1967, auch nach seinen Schindlers Entwürfen,
ist sie mit ihren 10 400 Pfeifen immer noch die größte
des Landes. Gut und recht, solche Zahlen, aber in der Musik zählen
bekanntlich Töne. Und die donnern, flöten und hauchen
dann durch den Raum, dass Schuberts hübsche kleine Forelle
unvermutet emporschnellt wie ein kraftstrotzender Lachs und sich
dann wieder träge wälzt wie eine alte Flunder.
Bei Literaturreisen geht es um Geschichten, umso besser, wenn die
Erzähler noch am Leben sind. Im Café Mahlet spricht
Liselotte Zídová bei Obstkuchen und Windbeutel von
»den Sachen, die nicht ganz weiß sind und nicht ganz
schwarz«. Ihr eigenes Leben meint sie, vor allem die Erfahrungen
ihrer Kindheit, als sie, Tochter eines deutschen Juden in Mähren,
1938 in ein Dorf in den Beskiden gebracht wurde und dort, beschützt
von Tschechen, aufwuchs, während die Deutschen ihren Vater
nach Theresienstadt verschleppten. Sie überlebte, der Vater
auch, ganze 45 Kilo schwer. 1955 heiratete sie Ladislav, den Offizier
der tschechischen Armee, der heute auch mitgekommen ist und von
der Seite souffliert, damit ja nichts vergessen wird. Ladislav,
der das Rückgrat hatte, eine deutsch-jüdische Frau zu
heiraten, und später, 1968, auch den Mumm, den Mund aufzumachen
gegen die Okkupation durch die Bruderländer. Nie hat es in
seiner Familie ein böses Wort wegen ihrer Herkunft gegeben,
sagt Liselotte, bei Nachbarn und Kollegen sah das oft ganz anders
aus. Von alldem erzählen sie beide, weil sie "Brücken
bauen wollen, damit das Unglück irgendwann mal ein Ende hat«.
Auch Herr Bránsky, der am nächsten
Tag in Boskovice wartet, hat viel zu erzählen. 78 ist er, der
Stadthistoriker, und weiß über die Steine hier mehr als
jeder andere. Boskovice, 40 Kilometer nördlich von Brno gelegen,
lässt auf dem breiten, leicht zur Kirche hin abfallenden Marktplatz
seinen Bewohnern und Besuchern Raum, nur im einstigen Ghetto wird
es enger. Das Viertel ist kein Museum: Die pastellfarbenen Häuser
mit den Halbsonnen über den Fenstern, nach dem :Brand 1423
im Empirestil neu erbaut, werden bewohnt; allerdings nicht mehr
von Juden. Von den 458, die 1942 nach Theresienstadt deportiert
wurden, kehrten 15 zurück. Der letzte starb vor zwei Jahren.
Boskovice galt seit dem 18. Jahrhundert als das »mährische
Jerusalem«, eine Hochburg der Talmudwissenschaft, in dert
religiöse Rituale das Alltagsleben bestimmten. Kein Wunder,
dass viele ausbrachen aus dieser Enge. Hermann Ungar war einer von
ihnen, der heute fast unbekannte Schöpfer düster-abseitiger
Geschichten, der 1928 mit 35 Jahren starb und zutiefst verschreckt
hinter seiner Hornbrille vom Foto blickt, das Reiseführer Schnabl
in den Händen hält. Am Abend liest er uns dann Ungars
Bericht über das unvermutete Ableben des Registraturverwalters
»Tulpe« vor.
Zwischen den Städten, den Wanderungen, den Begegnungen bleibt
Zeit. Dies ist eine, ruhige Reise, angepasst dem Pulsschlag des
Landes. Vor allem ist auf den leichten Wanderungen viel Zeit, miteinander
zu reden. Über Schule am Kongo, die Benesch--Dekrete und die
Anzucht von Baumpäonien. Mittags und abends essen wir uns durch
Palatschinken, Sauerkrautsuppe und käsegefüllte Kartoffelpuffer,
vergleichen Starobrno Bier und Pilsner Urquell, setzen einen Becherovka
drauf und genießen mit allen Sinnen.
Immer wieder und überall begegnen wir der Literatur. Wie gut
wir in der schönen Empirebibliothek des Schlosses Rájec
doch nachvohziehen können, welche Verunsicherung es für
die führenden deutschen Kreise bedeutet haben muss, als im
19. Jahrhundert immer mehr tschechische Grubenarbeiter, ungehobelte
Proletarier, in die Städte drängten, so wie Ferdinand
von Saar es beschrieb! Und wie einfühlsam die umstrittene Marie
von Ebner-Eschenbach sich an ihre Kindheit auf Jcntoss Zdislavice
erinnerte. Um das heruntergekommene Gemäuer, das bis vor kurzem
noch psychisch Kranke beherbergte, tobte der Sturm ganz grausig,
und drin versammelten sich alle um die Amme Anischa, die flüsterte,
dass jetzt wieder die Melusine ihre Kinder suche.
In Nikolsburg singen die Häuser
Die letzten beiden Tage gehören ganz Jan Skácel und
dem Wein. Von Krtiny, wo uns jeden Morgen um sechs das Geläut
der »Perle Mährens«, der Marien-Wallfahrtskirche
von Giovanni Santini, geweckt hatte, sind wir nach Mikulov umgezogen,
ins einstige Nikolsburg, wo, wie Skácel meint, »die
Häuser singen« und sich eng um das Schloss derer von
Dietrichstein scharen. Ringsum Äcker bis zum Horizont, und
dazwischen ragen die vier Buckel der Pálava, der Pollauer
Berge, hervor. Eine Windhose aus Weißdornblüten stiebt
hoch, nach Norden, unsichtbar im Dunst liegt Bmo, einst Brno, wo
Jan Skácel sein Leben als Rundfunkmitarbeiter fristete, ehe
er 1989 starb, und wo er seine federleichten und stillen Alltagsbetrachtungen
verfasste, wo er schrieb: »Die häuser am holunder tun
dir leid ..."
Weit unten krümmt sich der Thaja-Stausee wie ein Halbmond um
die Berge, streng gezogene Rebenreihen ziehen sieh über flache
Hügel: Vor den Ruinen der Waisenburg genehmigen wir uns Essiggurken,
Peitschenkäse und Gedichte. Jeder liest inzwischen vor, Lerchen
trillern in der Luft. Noch eine Stunde bis zur Maidenburg, wo einst
drei arbeitsscheue Mädchen zu Stein erstarrten, ein kurzer
Abstieg, und schon sind wir da, auf Svatopluks Terrasse, beim einfachen
Wein aus dem schwarz verschimmeltem Keller und der mährischen
Heiterkeit.
Als Abschluss des Tages denke man sich Heinrich und Georg, zwei
nicht mehr ganz taufrische Herren, die sich, einfach weil es so
schön war, zu Fuß auf den Rückweg über die
Palauer Berge machen und selbstvergessen, weinselig und lauthals
die Prähistorie der Informationstechnik im Deutschland der
siebziger Jahre debattieren, während ein blasser Vollmond aufzieht
und der Geist von Jan Skácel irgendwie zwischen den Kiefernstänunen
zu schweben scheint. Man ahnt vielleicht, ein wenig vom Zauber dieser
Reise.
Veranstalter: Begegnung mit Böhmen, Dechbettenestr. 47b, 93049
Regensburg, Tel. 0941/260 80, Internet: www.boehmen-reisen.de
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
|
|













[zurück]
Sie wollen diesen Artikel ausdrucken? Klicken Sie mit der rechten
Maustaste auf den Text - drucken.
|