Mit
Kindern unterwegs
Welch eine Stille! Keine Autos, keine Menschen,
keine Läden, keine Discos - nur Gerstenfelder und Wald so weit
das Auge reicht. Fasziniert lassen Lenka, meine Freundin, und ich
die wohltuende Ruhe unseres Urlaubsortes auf uns wirken. Wir sind
im Nationalpark Böhmerwald, einem abgeschiedenen Naturparadies
im Südwesten von Tschechien, und genießen unseren ersten
Abend
auf Cisaruv Dvur (Kaiserhof), einem zur schlichten Pension dort
umgebauten Einödhof in der Nähe von Kašperské
Hory (Bergreichenstein, s. Karte). Zusammen mit elf anderen Familien
wollen Lenka, ihr Sohn David, 10, und ich mit meinen beiden jüngeren
Söhnen Nicolaus, 10, und Magnus, 6, hier eine Woche Ferien
machen. Organisiert hat die Eltern-Kind-Reise der Verein "Nationalpark-Region
Donau-Moldau" in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bildungswerk
Regensburg.
Geplant ist eine Mischung aus Erholungs- und Kultururlaub. Lenka
und ich sind gespannt, denn Erwin Aschenbrenner, der Reiseleiter,
hat uns viel versprochen: Er will uns die einzigartige Landschaft
zwischen Donau und Moldau mit ihren Hochmooren, malerischen Dörfern,
unentdeckten Flußtälern, wildromantischen Schluchten
und mit den mittelalterlichen Schlössern, Burgen und Städten
über das übliche Sightseeing-Programm hinaus nahebringen.
Und zwar so, daß auch die Kinder auf ihre Kosten kommen! Der
Begrüßungsnachmittag verlief jedenfalls schon ganz vielversprechend:
Ein Namen-Ratespiel, auf der Wiese vor dem Haus von Erwin Aschenbrenner
geschickt eingefädelt, ließ schnell Vertrautheit entstehen.
Vor allem zwischen den 18 Mädchen und Jungen im Alter von fünf
bis zehn Jahren. Schnell schlossen die Kinder sich in Grüppchen
zusammen. Die größeren Jungen tobten sich beim Fußballspielen
aus, die kleineren streunten gemeinsam im Hof herum und die Mädchen
scharten sich um Veronika und Radka, zwei perfekt deutsch sprechende
Studentinnen aus Prachatice, die von Erwin als Betreuerinnen angeheuert
wurden.
Mit von der Partie ist zu Beginn der Ferien außerdem noch
Markus, ein junger Ökologe aus Cham. Mit ihm zusammen geht
es am nächsten Morgen hinaus in den Wald. "Warnen und
tarnen" heißt seine erste Naturkunde Lektion. Und schon
sausen die Kinder los, um Marienkäfer auf Bäumen und Sträuchern
aufzuspüren. „Mami, die braunen haben wir kaum gefunden.
Die sieht man viel schlechter als die roten", erklärt
mir Magnus noch atemlos vom Rennen. Nici ist dagegen von der Erfahrung
begeistert, daß sich Gerstenhalm auch als Wurfspeere eignen.
Und daß man Brennesselblätter bei richtiger Falttechnik
roh essen kann ohne sich Mund und Hände zu verbrennen.
Nach diesem lehrreichen Vormittag machen wir einen
Ausflug zur nahe gelegenen „Popelna", einer 300 Jahre
alten Mühle. Dort bringt Erwin Aschenbrenner normalerweise
seine Gäste unter - und tatsächlich ist das Haus um einiges
komfortabler als unser Kaiserhof, die Küche entschieden besser.
Mit großem Appetit essen wir alle die böhmischen Knödel
mit Sauerbraten, die es zu Mittag gibt. Danach stürzen sich
die Kinder mit Markus in den vorbeifließenden Bach. Die Erwachsenen
haben mehr Lust auf Kultur. Erwin führt uns deshalb zu den
Resten einer alten Keltensiedlung, die auf dem kleinen Hausberg
hinter der Mühle liegt. Ein herrlicher Blick über das
Tal der Otava eröffnet sich uns von hier oben.
Der Fluß mit seinem goldhaltigen Sand war
nicht nur für die Kelten, sondern auch für die alten Römer
von großer Bedeutung. Gold waschen wie früher dürfen
am darauffolgenden Abend dann auch die Kinder unter Anleitung von
Egon Urmann, einem deutschstämmigen Tschechen. der dieses Hobby
schon seit Jahren betreibt und den Erwin deshalb extra eingeladen
hat: Mit der flachen Schlüssel schöpft Egon Urmann den
sandigen Grund aus dem kleinen Bach hinterm Kaiserhof und läßt
den Inhalt so lange kreisen, bis nur noch die schwersten Teilchen
auf dem Schüsselboden zurückbleiben. Aber wir kommen etliche
Jahrhunderte zu spät, von funkelnden Steinen keine Spur. Den
Spaß für die Kinder schmälert das nicht im geringsten.
Später sitzen wir entspannt bei Wein und Bier und unterhalten
uns über unsere Eindrücke von der nahe gelegenen gotischen
Karlsburg (Kašperk), die wir tagsüber besucht haben. Zu
unserer Überraschung waren wir dort nämlich in eine Phantasy-Aufführung
mit Orks, Feen und Rittern geplatzt. Sehr zur Freude der Kinder,
die mit großen Augen die lautstarken Fehden rund um das alte
Gemäuer verfolgten. Lenka und mir war eher unbehaglich bei
soviel Phantasy.
Die anschließende Tour zu den Moldauquellen auf gemieteten
Fahrrädern gefiel uns beiden da schon weit besser. Weil die
Fahrt für die Kinder zu anstrengend gewesen wäre, strampelten
ihre Mütter und Väter allein dorthin. Die Kinder hatten
ihr eigenes Programm: Sie bastelten auf dem Kaiserhof unter Anleitung
von Markus Collagen aus Blüten und Blättern. Nach einem
Faulenzertag wird es wieder richtig spannend für groß
und klein: Eine Paddeltour auf der Otava steht an. Start ist nördlich
von Sušice. Als wir dort ankommen, wartet Jaroslav, Geschäftsführer
des örtlichen Sportvereins, bereits mit Kanus und Schlauchbooten
auf uns. Ein wenig besorgt äußert er sich über den
niedrigen Wasserspiegel. Das traumhafte Sommerwetter hat eben auch
seine Schattenseiten.
Bevor es losgeht, bekommen wir Erwachsenen noch schnell einen kleinen
Einführungskurs. Mir ist etwas mulmig zumute. Nici schimpft
vor sich hin, weil er mit David nicht sofort in See stechen kann,
und die fünfjährige Rosie schreit wie am Spieß aus
Angst vor den wackligen Booten. Da kentert das erste Übungspaar.
Großes Gelächter bei allen. Die Stimmung steigt. Jetzt
sind Lenka und ich dran. Und- o Wunder- wir halten uns ganz gut
über Wasser und bringen das Kanu nach einigen Versuchen sogar
auf den richtigen Kurs. Bei der Mannschaftseinteilung schnappe ich
mir dennoch vorsichtshalber Jaroslav als Bootsmann. Geschickt führt
er das Kanu durchs Wasser. Keine Untiefe, kein Wirbel, kein Steinbrocken
entgeht seinem Blick. Bedächtig gleiten wir dahin, vorbei an
Wiesen, Auwälder und kleinen Dörfern. Bei Rabi, der größten
Burgruine Böhmens, endet die Tour. Rosie heult wieder - diesmal,
weil sie unbedingt weiter im Boot fahren will.
Nach dem Mittagessen dann das nächste Abenteuer für die
Kinder: eine Falkenschau auf der imposanten Burg Rabe. Nici platzt
fast vor Stolz, als er den dicken Falkner-Handschuh anziehen darf
und der große Raubvogel auf seiner ausgestreckten Faust landet.
Kultureller Höhepunkt der Reise ist ein Ausflug nach Ceský
Krumlov, dem ehemaligen Krumau. Wir starten früh, denn Jaroslav
möchte uns auf dem Weg dorthin seine Heimatstadt Prachatice
mit dem Renaissance-Rathaus zeigen. Von dort fahren wir weiter durch
romantische Barockdörfer, dann durch die südböhmische
Teichlandschaft, die im 15/16. Jahrhundert geschaffen worden ist,
um die Sümpfe trockenzulegen und das Flößen von
Bauholz nach Prag zu ermöglichen, und erreichen schließlich
Schloß Kratochvíle. „Mami, der Garten hat ja
ein Muster!" staunt Magnus beim Anblick der italienischen Renaissance-Anlage.
Noch mehr fasziniert ihn allerdings das Zeichentrick- und Puppentheaternuseum,
das im Schloß untergebracht ist. Am liebsten würde er
sich die Vorführung über das Entstehen eines Trickfilms
zweimal anschauen. Aber Krumau, die letzte Station unseres Ausflugs,
wartet. Beim Besichtigungsrundgang begleiten uns nur die größeren
Kinder. Die kleineren gehen mit Radka und Veronika zum Spielen in
den schattigen Park, der zum mächtigen Renaissance-Schloß
oberhalb der Stadt gehört.
In den Hauptstraßen herrscht ein Riesenrummel. Abseits davon
weht uns jedoch der Geist von Krumau an. Kein Krieg hat den historischen
Stadtkern je zerstört, keine Feuersbrunst die Häuser vernichtet.
Die Unesco setzte deshalb das Gotik- und Renaissance-Städtchen
1992 auf die Liste der Weltkulturdenkmäler und stellte es unter
ihren besonderen Schutz.
Zum Abschluß unseres Urlaubs besuchen wir noch eine Tierstation
bei Harazdovice. Die Kinder dürfen Schlangen, Schildkröten
und Kröten hautnah erleben. David überrascht uns: Weder
Python noch Kröte auf nackter Haut können ihn schrecken.
Zurück zum Kaiserhof fahren die Kinder mit dem Kleinbus, die
Eltern laufen zu Fuß und nehmen dabei langsam Abschied von
diesem schönen Fleckchen Erde.
Magnus, Nici und die anderen Jungen und Mädchen haben inzwischen
Holz gesammelt und hauen mit Jaroslav einen riesigen Scheiterhaufen,
der zum Grillen eines halben Schweines reichen würde. Wir begnügen
uns jedoch mit Würstchen und Brot. Die vollgepackte Woche mit
Kultur und Abenteuer löst sich unter den Klängen von Erwins
Gitarre auf in entspannte Zufriedenheit und Harmonie. Wir haben
viel gesehen und erlebt. Und sind uns alle ein großes Stück
nähergekommen. Nicht nur die Eltern, sondern auch unsere Kinder
sind sich deshalb ziemlich einig: Es war einer der schönsten
Urlaube.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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