Reisen mit Goethe / Von Arthur Schnabel
Die Aussichten in Böhmen sind nicht mehr, was sie einmal
waren. Vom Goethe-Hain bei Hazlov, auf dam der Dichter immer Halt
machte, um die Aussicht zu gonie8en, sieht man nun ein struppiggraues
Fichtenband mit der anderen Straßenseite, Und rasende Lkws,
deren Luftsog den vorwitzigen Goethe-Pilger fast von dem Granitblock
herunterfegt. Die alte Poststraße, die Sachsen mit dem Egerland
verband, ist heute eine völlig überlastete Transitstrecke
mit allen Errungenschaften der postsozialistischen Ära.
Gleich neben dem Goethe-Stein hat das Etablissement „Lucie"
die Pforten geöffnet. Die Prostitution scheint der einzig
florierende Gewerbezweig dieser Gegend zu sein. Hazlov, das frühere
Haslau, ist eine bizarre Mischung aua Bordell und Dorf. Vor biederen
Einfamilienhäusern, die Eva oder Nathalie hei8en, scharren
Hühner und spielen Kinder. Im Garten von Haus "Paris"
harken alte Leute Ihre Gemüsebeete.
Versenkt man den Blick nicht nur in die Bücher, dann kann
eine literarische Tour auf Goethes böhmischen Spuren eine
verstörend reale Reise durch eine ebenso beschädigte
wie faszinierende Kulturlandschaft werden, in der man unter dem
Schutt der Geschichte noch immer den Mythos „Böhmen"
zu spüren glaubt - das humane Ideal einer kultivierten und
doch geheimnisvollen Natur.
Plutonisten und Neptunisten Etwa an "Komorni hurka",
nicht weit von HazIov: Das ist eine einsame Erhebung in der flachen
Landschüssel zwischen Eger und Franzensbad, ein längst
erloschener Vulkan der Tertiärzeit. Dieser harmlose Hügel,
zu deutsch „Kammerbühl", war einst heiß
umkämpftes Gebiet zwischen Plutonisten und Neptunisten. Das
waren keine hussitischen Splittergruppen, sondern zwei geologische
Schulen, die sich mit der Entstehung dar Gesteine beschäftigten.
Die „Plutonisten" machten Feuer, die „Neptunisten"
Wasser dafür verantwortlich. Am Kammerbühl glaubten
beide, Argumente zu finden. Elfmal kam Goethe hierher: oft in
weiblicher Begleitung, um in heiterer Ernsthaftigkeit die Rätsel
der Natur wie der Frauen zu untersuchen. Halb versteckt im Gebüsch
findet man noch heute ein Zeugnis dieses Forschungsdrangs: ein
klassizistisches Tempeltor sperrt den Schacht ab, den man auf
Goethes Veranlassung in die Bergsohle trieb. Vielleicht der erste
Forschungsstollen, der aus reiner Neugierde gegraben wurde. Später
hat man noch ein Goethe-Profil in den Felsen neben dem Schacht
gemeißelt: ..Dem Erforscher des Kammerbühl"
326 Gedenktafeln und 18 Goethe-Denkmäler hat ein mUseumsmann
im westlichen Böhmen gezählt. Kaum eine andere Region
hat Ihre kulturelle Identitäten so ausschliesslich an eine
Person geknüpft. Jeder Bürgermeister und jeder Schullehrer
zwischen Marienbad und Kalsbad wollte seinen Goethe. Viele sprichwörtliche
"böhmische Dörfer" bezogen Ihren Ruhm aus
einer Kaffeepause des Meisters. Auch das 200-Seelen Dorf Wischkovitz
beim Kloster Tepl. Es ist ei ne Landschaft wie Seide - wundarbare
Alleen schwingen sich kilometerlang als gold-grün getupfte
Bänder über sanfte Hügel. Goethes Wanderlied könnte
hier enstanden sein: „Von dem Berge zu den Hügeln /
niederab das Tal entlang / da erklingt es wie von Flügeln
/ Da bewegt sich's wie Gesang",
1932 stellten die Wischkowitzer im Schulgarten einen Findling
mit Gedenktafel auf: eine großartige Feier zu der die ganze
Gegend zusammenkam. Heute heißt der Ort Vyskovice und kann
zu seiner Rechtfertigung noch ein Haus und eine verfalelne Kapelle
vorweisen. VVo früher Häuser und Gärten waren wächst
nun in riesigen Stauden die böhmische Plage, der Riesenbärenklau.
Wo er sich niederlässt, kriegt man ihn nicht mehr weg, weshalb
ihn der tschechische Witz "Bolschewiki" taufte. Auch
den Goethestein hat er fast schon überwuchert. Niemand
käme darauf, in dem Stein, dessen Inschrift abgeschlagen
ist, ein Kulturzeugnis zu sehen. Vielleicht sollte man Goethes
tröstliches Motto anbringen: „Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis."
Vielleicht auch die Vergangenheit selbst, die an Orten wie diesen
immer noch brennt wie der Bärenklau. Die meisten Goethesteine
wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, als der Konflikt
zwischen der tschechischen und der deutschen Bevölkerung
Böhmens seinen Höhepunkt erreichte. In diesem Kampf,
dessen Schlachtfeld zuerst die Sprache war, sollten sie einen
geistigen Grenzwall gegen das sich kräftig regende tschechische
Selbstbewusstsein bilden. Goethe als Schutzherr eines pathologischen
Nationalismus: welch ein Missverständnis. Da half auch nicht
das 1932 erschienene Buch des Prager Schriftstellers Johannes
Urzidil, „Goethe in Böhmen", das Goethes Böhmen
als reiche multikulturelle Region charakterisierte. Am Ende hat
der pathologische Nationalhass beider Seiten Urzidils und Goethes
Böhmen vernichtet.
Urzidil selbst ist haute vergessen, Dabei ist er der böhmische
Klassiker schlechthin. Der jüngste aus dem legendären
Prager Kreis des Cafe Arco fühlte sich Kafka ebenso verbunden
wie Stifter. Der Vater ein Deutscher aus dem Egerland. die Mutter
eine Prager Jüdin und die spätere Stiefmutter eine Tschechin:
Wer etwas über das alte Böhmen mit seinen Kulturen erfahren
möchte, muss Urzidil surreal-melancholische Geschichten lesen.
1938, kurz vor dern Einmarsch der Nazis, besucht er noch einmal
das „magische Dorf", den Geburtsort seines Vaters in
einer der stillsten Ecken des Egerlandes: als "letzter Gast",
wie seine im New Yorker Exil entstandene Erzählung heißt.
Aus fünf Häusern und einer Kirche bestand Schipin, schon
damals ein einsamer Ort. Auf der Karte führt keine Straße
dorthin. Ob es den Ort überhaupt noch gibt?
Doch dann findet man einen zugewachsenen Aufstieg. Im Moos zwischen
den Bäumen duckt sich ein betonierter Sehschlitz: ein Bunker
aus jener Zeit, als sich die Tschecheslowakei auf einen Krieg
mit Nazi-Deutschland vorbereitete. Plötzlich ist der Anstieg
zu Ende, und zwischen verkrümmten Apfelbäumen leuchtet
eine rote Turmspitze. Auf einer Waldlichtung in völliger
Einsamkeit stehen eine Kirche und drei Häuser. Ein gepflegtes
Idyll statt der erwarteten Ödnis. Unter die alten Apfelbäume
gelagert, lesen wir Urzidils "Der letzte Gast". Ein
alter Herr sieht misstrauisch herüber. Dann sagt er „Grüß
Gott", denn er kommt aus München. Einer, der von hier
stammt und nun zeitweise auf die Kirche aufpasst, die von den
Vertriebenen der Umgebung wieder hergerichtet wurde, Ihre Abgeschiedenheit
hat sie überleben lassen.
Kirchenbesuch Nach eingehender Prüfung werden wir
hineingelassen. Es ist eine heitere Kirche mit einer kleinen barocken
Orgel. Eine Kostbarkeit, wie eine kundige Goethe-Pilgerin erkennt.
"Geht Sie noch?" Naja...Und schon ertönt nach einigem
Schnauben und Pfeifen "Geh aus mein Herz", dann, mutiger
geworden, ein kleines Bach-Präludium. Der alte Herr hört
zu, dann fangen seine Schultern an zu zukken und er geht abseits.
Das sind die gefürchteten Sudetendeutschen, die Neubauer-Revanchisten?
Es ist nur ein alter Mann, allein mit seiner Erinnerung an Weihnachtsabende,
als von allen Seiten her die Menschen mit Fackeln der Kirche zuströmten.
Jetzt gibt es eine Messe im Jahr, und der Friedhof soll auch wieder
hergerichtet werden, erzählt er. Etwas rührend Vergebliches
haftet dieser Kirche an, deren Leben aus einer einzigen Messe
im Jahr besteht: Wer wird in ihr beten, sie pflegen und erhalten,
wenn diese Generation nicht mehr existiert? Wurde Sie hergerichtet,
um wieder zu verfallen? "Wer bloss mit dem Vergangenen sich
beschäftigt, kommt zuletzt in Gefahr, das Entschlafene, für
uns Mumienhafte vertrocknet an sein Herz zu schließen"
Ein kühler, ja ein grausamer Satz von einem der es gern mit
dem Leben hielt. "Ja. Goethe hat die Geschichteinteressiert,
aber geliebt hat er das Leben. Vor allem hier." schmunzelt
der agile Vizedirektor des Karlsbader Museurns, Dr. Stanislav
Burachovic. Dann fällt ein Schatten über ihn. "Na
ja, in Karlsbad täte uns ein bisschen mehr Geschichtsbewusstsein
gut."
Burachovic hatte große Pläne zum 250, Geburtstags Goethes.
Herausgekommen ist unter großen Schwierigkeiten eine kleine
Goethe-Ausstellung im Museum. „Für Goethe gibt's Geld!"
Eine Kulturschande sei das. „Wer hat Karlsbad und Böhmen
berühmt gemacht? Goethe!" Aber was will er machen? Die
großen Tage Karlsbads sind vorbei, und man kann froh sein,
wenn man einigermaßen über die Runden kommt. Von deutschen
Tagestouristen und Goethe-Pilgern, die hier einen Kaffee trinken,
könnten die bombastischen Hotels und die medizinischen Bad-Einrichtungen
nicht leben. Gott sei Dank gibt es Gäste, die sich den etwas
angestaubten Karlsbader Luxus leisten, Es sind "die Russen",
wie man hier sagt. Karlsbad ist zum Mekka reicher Geldleute aus
Asserbaidschan und Georgien geworden. Der Einfachheit halber kaufen
sie Hotels und Kureinrichtungen gleich auf - zum Unbehagen der
Tschechien, die nicht umhin können, an die„Bolschowiki"
zu denken. Nur, dass heute nicht mehr der Marxismaus-Leninismus
die Richtung angibt, sondern der Kapitalismus des wilden Ostens.
Die berühmte Bäderstadt, das ist ein offenes Geheimnis,
ist eine der wichtigsten Waschanstalten für russisches Mafia-Geld.
Und wo bleibt Goethe? Dr. Burachovic kämpft gerade darum,
an einem der zahlreichen Goethe-Häuser eine Gedenktatel anzubringen.
Aber das ist schwierig, weil die Fassade von der schreienden Werbefläche
einer Wechselstube okkupiert wird, Und Goethe neben Wechselkursen?
Doch der Museumsmann sieht die Sache pragmatisch: warum nicht?
Schließlich hatte der Olympier die Preise seiner Kuraufenthalte
genauso scharf im Blick wie die Metrik seiner Gedichte. An Goethe
kommt man in Böhmen eben auch heute nicht vorbei. Nicht einmal
im Negativen: So erwähnt der Schriftsteller Ota Filip die
spezielle Goethee-Gedenktafel, de ein junger Autor aus Pilsen
an seinem Haus angebracht hat „In diesem Haus hat Johann
Wolfgang von Goethe nie gewohnt, nie übernachtet. Er blieb
hier nie stehen, trank in diesem Haus niemals eine einzige Tasse
Kaffee."
„Begegnung mit Böhmen" veranstaltet neben der
„LiteraTour" „Mit Goethe in die böhmischen
Bäder" eine Vielzahl weiterer Reisen nach Böhmen
und Mähren.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
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