Begegnungen besonderer Art
Mit Goldwäschern, Grenzgängern und Wanderern unterwegs
im Nationalpark Šumava
An der Mitternachtsseite des Ländchens Österreich
zieht ein Wald an die 30 Meilen seinen Dämmerstreifen westwärts,
beginnend an den Quellen des Flusses Thaia, und fortstrebend bis
zu jenem Grenzknoten, wo das böhmische Land mit Österreich
und Baiern zusammenstößt. Dort, wie oft die Nadeln
bei Kristallbildungen-schoß ein Gewimmel mächtiger
Joche und Rücken gegen einander und schob einen derben Gebirgsstock
empor, der nun von drei Landen weithin sein Waldesblau zeigt und
ihnen allerseits wogiges Hügelland und strömende Bäche
absendet. Adalbert Stifter, Der Hochwald
Der Faszination dieser Landschaft, die den Dichter Stifter sein
Leben lang nicht losließ, erlag nach dem Fall des Eisernen
Vorhangs auch der Oberpfälzer Kulturwissenschaftler Dr. Erwin
Aschenbrenner. Der Blick aus dem Fenster eines Reisebusses genügte.
Um auch anderen eine intensive Begegnung mit einem Nachbarland
zu ermöglichen, das zwar so nah, gleichzeitig aber so fremd
geblieben war, entwickelte Aschenbrenner ein Reise- und Kulturprojekt
als Gegenpol zum Bier- und Souvenir-Tourismus. Inzwischen sind
der Regensburger Wissenschaftler, seine tschechischen Partner
und die Menschen, die mit ihnen unterwegs waren, längst zu
Wanderern besonderer Art geworden. Grenzen überschreiten
sie, die sichtbaren Landesgrenzen zwischen Bayern und Tschechischer
Republik und die unsichtbaren: die Hürden zwischen Tschechen
und Deutschen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Erwin Aschenbrenner nimmt uns von Bayern nach Böhmen mit.
Im Grenzstädtchen Böhmisch Eisenstein, direkt gegenüber
Bayerisch Eisenstein, herrscht hektischer Einkaufstouristenbetrieb,
doch schon wenige Kilometer weiter ist es damit vorbei. Die Hauptroute
durch den Nationalpark mit dem passenden Namen Šumava, „die
Rauschende", schlängelt sich kilometerweit durch Wald
und einsame Hochebenen. Nebelschwaden legen sich im Dämmerlicht
wie Watte auf die Landschaft. Ein Idyll - das alte und neue Narben
verbirgt. Schon der erste Halt macht das deutlich. Dobra Voda
(Gutwasser), ist eines jener Dörfer, die nach der Vertreibung
der Sudetendeutschen ausradiert wurden. Stehen blieben nur einige
Gebäude, darunter die Schule, die zu einem militärischen
Hauptstützpunkt umfunktioniert wurde und die Kirche, die
als Waffenlager gedient haben soll. Längst aber sind auch
die Soldaten nicht mehr da, gespenstisch wirkt das heruntergekommene
Schulhaus. Auf dem kleinen Friedhof lassen sich auf umgefallenen
Grabsteinen mühsam die Namen von deutschen Toten entziffern.
Glaubt man Zeitungsberichten, so winkt dem verlassenen Ort jedoch
eine goldene Zukunft: Ein in die USA ausgewanderter ehemaliger
Bewohner will angeblich mit einer Millionen-Dollar-Spende Dobra
Voda wieder aufbauen. Bereits jetzt ist der Ort Mittelpunkt einer
Wanderregion, deren Wege, wie die Nationalpark-Verwaltung offiziell
mitteilt, von Blindgängern geräumt worden sind.
Es sind diese Kontraste und Berührungspunkte zwischen Vergangenheit
und gegenwärtiger Alltagsgeschichte in Böhmen, die Erwin
Aschenbrenner seinen Begleitern nahebringen will. Als „Zeitzeugen"
sollen wir Geschichte, Kultur, Alltag und Ökologie erleben.
Die „böhmischen Dörfer" sollen für uns
nach der Reise keine „böhmischen", sprich unbekannten,
mehr sein. „Ein offizielles „date" mit dem Bürgermeister
haben wir nicht im Angebot", beschreibt der Kulturwissenschaftler
sein Projekt, das vom Verein Nationalpark-Region Donau-Moldau
in enger Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bildungswerk Regensburg
getragen wird. „Wir wollen mit „normalen" Leuten
zusammenkommen, die über das Leben und das Land erzählen."
Daß dies nicht langweilig ist, weiß Erwin Aschenbrenner
aus mittlerweile fünfjähriger Erfahrung: „In Tschechien
kann man andere Dinge erleben als in Deutschland."
Viel erleben kann man zum Beispiel mit Jaroslav Neuil,
einem der acht tschechischen „Glücksfälle",
die Aschenbrenners Projekt in Böhmen mitgestalten. Jaroslav
lebt in Prachatice, wo bis zum Ende des 17. Jahrhunderts alle
Handelswege des „Goldenen Steigs" zwischen Bayern und
Böhmen zusammenliefen. Von der einstigen Blütezeit der
Stadt, die als Monopolist von Salz, der wichtigsten Handelsware,
galt, künden heute noch prächtige Renaissancehäuser
und Fassaden, die mit ornamentalen und figürlichen Sgraffiti
geschmückt sind. Jaroslav Neuil wohnt nicht in einem
der schönen Altbauten, sondern mit seiner Familie seit 20
Jahren beengt in einem häßlichen Plattenbau. Diese
und andere unübersehbare Hinterlassenschaften der sozialistischen
Zeit hindern ihn nicht, auf seine Heimat und sein Land stolz zu
sein. Mehr noch als sein deutscher Freund Erwin setzt sich Jaroslav
für spontane, unmittelbare Begegnungen der Besucher Böhmens
mit der Bevölkerung und der Natur ein. Der große Wunsch
des 48jährigen ist es, mit einer Reisegruppe einfach mit
dem Rucksack auf dem Rücken an der Moldau entlang ins Blaue
zu wandern. Ein Abenteuer, das Anklang finden würde: „Die
Leute hier sind neugierig auf alles, was in der Welt passiert",
sagt Jaroslav, „Und jede böhmische Wirtin ist stolz,
wenn sie fremden Gästen etwas Gutes kochen kann."
Mit dem umtriebigen Tschechen unterwegs zu sein, heißt,
sich lieber nicht auf ein festgelegtes Programm einzustellen.
„Flexibilität nützt nur" ist das Motto von
Jaroslav, für das er selbst das beste Beispiel ist. Abends
beim Bier erzählt der studierte Landwirtschaftsingenieur
aus seinem bewegten Leben. Der Zufall hatte ihm nach dem Studium
zu einer Karriere als Straßenplaner verholfen, die beendet
war, als er als Freund eines Regimegegners in Ungnade fiel. Der
Geschaßte, auf dessen Arbeitskraft das Regime dennoch nicht
verzichten mochte, bekam einen Job als Lkw- und Busfahrer beim
staatlichen Verkehrsunternehmen CSAD und fuhr jahrelang auf den
Straßen durch Böhmen, die er zuvor geplant hatte. Aufgrund
seiner Geographie- und Sprachkenntnisse wurde er von CSAD 1990
blitzartig auf den Chefsessel eines Managers für internationalen
Transport und Außenhandel gehoben. Inzwischen ist er Geschäftsführer
des Prachaticer Sportvereins. Daneben hat Jaroslav noch offiziell
bescheinigte Kenntnisse als Maurer, Kellner, Monteur von Skibindungen
und leitet sein eigenes Reisebüro. Damit nicht genug: Für
die Grünen sitzt Jaroslav Neuil im Prachaticer Stadtrat
im Sgraffiti-verzierten Rathaus. Hier holt ihn gerade die Vergangenheit
seiner Heimatstadt wieder ein. Debattiert wird nämlich zur
Zeit die Frage, ob der historische Marktplatz zur Fußgängerzone
umgewandelt und dabei durch eine Tiefgarage verschandelt werden
soll. Auch in Prachatice stehen die Stadtväter vor dem Problem,
die alte Pracht, möglichst ohne Fehler zu machen, in die
Touristen-Neuzeit zu retten.
In Cesky Krumlov (Krumau) hat die UNESCO der Stadtverwaltung
dieses Problem abgenommen. Die kleine Stadt an der Moldau ist
als bedeutendstes europäisches Denkmalreservat nach Venedig
eingestuft worden und wird unter UNESCO-Überwachung aufwendig
restauriert. „Die Moldau macht einen Ring, dann macht sie
außerhalb desselben einen zweiten verkehrten und dann noch
einen größeren, der wieder verkehrt ist und aus ihm
stehen gerade Felsen empor", beschreibt Stifter die krumme
Lage der Stadt. Jedes Gäßchen, jeder noch so versteckte
Winkel lädt hier zum Verweilen und Betrachten ein. Daß
die „Perle Böhmens" mit der zweitgrößten
Schloßanlage nach dem Prager Hradschin in ihrer Gesamtheit
erhalten blieb, hat sie paradoxerweise dem aufgezwungenen 40jährigen
Dornröschenschlaf au verdanken. Kaputtsanieren - das war
in der CSSR nicht drin, schon gar nicht im Grenzgebiet. Lediglich
der Zahn der Zeit nagte an dem Erbe der Fürsten Rosenberg,
Eggenberg und Schwarzenberg, das nun wieder ans Licht geholt wird.
Gemischte Gefühle
Ein Vorgang, den Dr. Ivan Slavík, stellvertretender Direktor
des Bezirksheimatkundlichen Museums in Cesky Krumlov mit gemischten
Gefühlen beobachtet. Slavík, dessen Name im Deutschen
„Nachtigall" bedeutet, kennt wie kaum ein anderer die
Geschichte fast jeden Hauses in der Stadt. Der Kulturwissenschaftler
plädiert daher für eine langsame und vorsichtige Restaurierung.
Die Substanz der Gebäude müsse erhalten werden, nicht
nur die Fassaden wieder herausgeputzt. „Das ist wie bei
einer Striptease-Show: Wenn's schnell geht, ist es fertig und
aus", zieht Slavík einen drastischen Vergleich. „Wenn
das aber hier passiert, entsteht nur das Bild einer schönen,
historischen Stadt - das schaut man sich an und das war's dann."
Nur der Gewinn zählt
Den Bestrebungen, die Renovierungsarbeiten ohne Hast durchzuführen,
stehen allerdings Kommerz und Touristeninteresse entgegen. Seit
drei Jahren wird Cesky Krumlov täglich von Touristen überschwemmt
- mit der Folge, daß Geschäft und Gewinnstreben den
Alltag bestimmen. „Trotz UNESCO-Schutz geht mit Geld alles",
macht der Museumsdirektor deutlich, „Hauskäufe von
Spekulanten oder „Mafiosi" über Strohmänner,
die nur der Gewinn interessiert, sind jederzeit möglich."
„Ganz brutal", so schildert es Slavík, sei das
Leben für die Einheimischen geworden. „Wir leben in
der teuersten Stadt Böhmens." In der Innenstadt gebe
es nur noch ein einziges Lebensmittelgeschäft, dafür
aber 30 Glas und Souvenirläden meist auswärtiger Händler,
die den Touristen teilweise Ware obskurer Herkunft anböten.
Durch die hohen Mieten werde die einheimische Bevölkerung
aus der Stadt verdrängt: „Die Leute müssen raus."
Nur noch 1400 Menschen, halb so viel wie vor 1989, lebten nun
im Zentrum. Ivan Slavík zieht noch einmal einen drastischen
Vergleich: „In der Geschichte dieser Stadt gab es nur einmal
einen solchen Bevölkerungsschwund. Das war 1643, als nach
mehreren Pestepidemien nur 1000 Einwohner übrig blieben.
Diese Entwicklung ist eine Gefahr für Cesky Krumlov."
„Die Leute müssen raus." Ein Satz, der nachhallt
bei der Wanderung durch die „Šumava", wenn wir
wieder vor Oberresten von Häusern stehen oder nur noch kleine
Anzeichen ahnen lassen, daß hier einmal ein Dorf gestanden
haben muß. Ein Satz aber auch, der für Egon Urmann
aus dem Dorf Lenora (Eleonorenhain) eine Last bedeutet, betrifft
er doch die Geschichte seiner eigenen Familie. Egon Urmann, „im
Unglücksjahr" 1945 als Sohn deutscher Eltern geboren,
durfte bleiben. Der Grund: Auf die Fachkenntnisse seines Vaters,
eines Glasmachers, mochten die tschechischen Machthaber nicht
verzichten. Die sämtliche weitere Verwandschaft Egon Urmanns
- Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen - wurde vertrieben und ist
heute über ganz Deutschland verstreut.
Seit fast 50 Jahren lebt der Deutsche im tschechischen Land mit
zwei Herzen in der Brust und kann diesen Zwiespalt nur mit der
Feststellung lösen: „Ich bin ein Böhmerwäldler
unter Böhmerwäldlern." Gleichwohl ist Egon Urmann,
verheiratet mit einer Tschechin, ein Wanderer zwischen zwei Welten
geblieben und immer noch auf der Suche nach seinen Wurzeln. Im
täglichen Leben ist er dabei zu einem Grenzgänger geworden.
Egon Urmann hat eine Stelle in einer niederbayerischen Wohnwagenfabrik
und seit zwei Jahren auch die deutsche Staatsbürgerschaft.
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat er auch Kontakt zu deutschen
Vertriebenenverbänden. „Ich kenne die tschechische
und die deutsche Einstellung und die harten Fronten", sagt
er. „Aufgerechnet werden viele Einzelschicksale, die keiner
vergessen kann und wo jeder nur seine eigene Wahrheit weiß."
„Dem anderen zuhören" ist daher der Appell des
Böhmerwälders, der kein offizieller Vermittler zwischen
den beiden Volksgruppen werden will. Er ist es natürlich
doch - wenn auch „nur" durch seine Gespräche im
privaten Kreis. Egon Urmann nämlich hat die wertvolle Gabe,
zu diesem heiklen Thema einen Dialog in Gang zu bringen -ohne
Emotionen zu schüren.
Von Beate Franck
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
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