Tief
verschneit, kaum berührt
Bei Tschechisch verstehen wir nur Bahnhof oder
die sprichwörtlichen Böhmischen Dörfer. Doch was
Dalibor, der tschechische Begleiter unserer Reisegruppe da in einem
Redeschwall seinem Kollegen sagen will, kapieren sogar wir. Dass
er mit „absolutn kalamita" die weiße Katastrophe
vor dem Fenster unserer Pension beschreibt, die Schneemassen, die
sich über Nacht angehäuft haben, ist leicht zu entschlüsseln.
Die Haustür ist zugeweht. Vom Zufahrtsweg
zur Pension keine Spur. Es gibt auch keine Straßen mehr, von
Langlaufloipen ganz zu schweigen. Wir sind in Filipova Hut (Philipshütten),
mit 1115 Metern der am höchsten gelegene Ort des Böhmerwaldes,
in der Luftlinie höchstens 15 Kilometer nordöstlich vom
bayerischen Rachel-Gipfel entfernt, in einer malerischen Streusiedlung
mit einem guten Dutzend Häusern und der Pension „Hajenka".
Sie ist frisch renoviert und verdient drei Sterne: für Sauberkeit,
für die Ordnung und fürs deftige Essen. Doch mit westlichen
Standards darf man die tschechische Hotellerie auf dem Lande noch
nicht messen. Alles ist zweckmäßig und ordentlich, doch
man kommt in den Nationalpark Böhmerwald ja auch nicht zum
Luxusurlaub, sondern der Natur und des Sports wegen, verausgabt
sich tagsüber in der klaren Luft zwischen Baumriesen und Flüssen
auf den Loipen und fällt nach nahrhaftem Essen und einem süffigen
Bier rechtschaffen müde ins Bett.
Langlauf ist in der Tschechischen Republik Nationalsport. Dementsprechend
gut ist das Loipensystem, besonders in der Gegend um Filipova Hut,
etwa eine Autostunde östlich vom Grenzübergang Bayerisch-Eisenstein.
Es liegt wie eine Spinne mitten im Netz von Hunderten Loipenkilometern.
Nach Antgl, Modrava„ Kvilda, Churanov oder Zadov zeigen die
Wegweiser durch Baumfluchten hindurch über die Hochebene. In
der Regel werden die Loipen gut gepflegt, doch bei einem Meter Pulverschnee
aus der letzten Nacht kommt der Loipendienst nicht nach. Er konzentriert
sich auf das nationale Langlaufzentrum um Churanov.
Doch dass so viel Schnee auf einmal fällt, versichern die Einheimischen,
passiert selten. Wie Maulwürfe machen wir entlang der gut beschilderten
Trasse unsere eigenen Spuren. Bis zum Knie sinken wir in den Neuschnee.
Weit und breit weder Straßen noch Orte; der Nationalpark ist
sehr dünn besiedelt und Naturschutzgebiet. An den riesjgen
Tannen hat der Schnee bizarre Formen modelliert. Bis zum Berg Breznik
(Pürstling), direkt gegenüber dem bayerischen Lusen, führt
die erste Tour. Zum späten Mittagessen gibt es in Modrava Palatschinken
und das unvermeidliche Pivo - Bier -, eine der wenigen tschechischen
Vokabeln, die man sich leicht merken kann.
Am nächsten Tag geht es den Kachelbach und am Dreiseenmoor
entlang, an Schwemmkanälen vorbei, die dem Holztransport dienen,
und hinauf zum Berg Oblik. Auf dein ehemaligen Todesstreifen der
Granne schlagen wir eine Schleife zurück zur Pension. Erst
nach dem Studium der Wintersportkarte der Gegend wird uns klar,
dass wir uns hier nicht nur wegen des Naturschutzes auf den ausgeschilderten
Loipen halten sollen. Im Gebiet der ehemaligen Militärzone
können noch Blindgänger liegen. Auch vor der Einsamkeit
dieser Gegend, die ja ihren Reiz ausmacht, wird auf der Karte gewarnt:
„Die Gefahr für den Wanderer ist die große Entfernung
der Touristenziele von der Zivilisation". Dabei ist es genau
das, was wir hier suchen. Und so einsam ist es dann auch wieder
nicht, stellt sich heraus: "Hinter Laden links zu Kuhe",
lautet die Wegbeschreibung eines tschechischen Sportlers, den wir
mitten im weißen Nichts nach dem Weg Richtung Horsky Kvilda
fragen. Hier ein Laden? Tatsächlich, mitten zwischen Bäumen
und Bächen
finden wir ihn an einer Wegkreuzung: „Kolonial" bietet
alles von Kartoffeln bis zur Tasse Kaffee. Fünf oder sechs
Häuser stehen hier weit verstreut und alle heißen hier
„Hones", alle sind verwandt. In der Landkarte ist der
Familienname sogar als Ortsbezeichnung eingetragen. Und gleich hinter
dem Laden stehen auch die Kühe, die uns den Weg weisen sollen,
zottelige schottische Hochlandrinder.
Langlauf-Urlaub in der Gruppe hat seine Reize, vor allem in einer
touristisch noch wenig erschlossenen Gegend wie dem Böhmerwald.
Die Anfänger werden von Jaroslav, Langlauflehrer und Bergführer,
in die Künste der Sportart eingeweiht: „Die Skier müssen
vorwärts gleiten und rückwärts nicht." Diese
in klare Vorgabe in die Praxis umzusetzen, erscheint manchem zunächst
unmöglich. Doch der Wunsch, wie die anderen das Langlaufparadies
im Nationalpark zu erkunden, beschleunigt den Lernprozess. Die Fortgeschrittenen
werden von Dalibor zu landschaftlich interessanten Punkten geführt
und ganz nebenbei in die zeitgeschichtlichen und geographischen
Besonderheiten dieses kaum berührten Landstrichs eingeweiht.
Jeder kommt auf seine Kosten.
BIRGIT WEICHMANN
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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