Prag:
Kafka, Kisch & Co.
„Ich sitze im Kaffeehaus, habe etwas hübsches gelesen,
bin wohlauf". Als Franz Kafka die Zeilen schrieb, saß
er im Prager Grand-Hotel „Erzherzog Stephan". 100 Jahre
später wartet der Literaturwissenschaftler Arthur Schnabel
in dem heutigen Hotel Europa auf Literaturfreunde. Mit Romanen und
Anekdoten im Rucksack führt er die Schöngeister dorthin,
wo Prag Geschichten schrieb.
Bohumil Hrabal, der mit dem ehemaligen Dramatiker
Vaclav Havel wohl bekannteste tschechische Schriftsteller der Gegenwart,
verbrachte nahezu sein halbes Leben im „Goldenen Tiger"-
bis er sich 1997 im Alter von 82 Jahren aus einem Fenster in den
Tod stürzte. Wie vor 20 Jahren ist es schwer, eine freie Holzbank
zu ergattern. An Stammtischen bechern Totengräber, Künstler
und Müllkutscher. Man diskutiert, resümiert, schwadroniert.
In der Kneipe schnappte der lauschende Hrabal Wortfetzen auf und
formulierte daraus ein literarisches Mosaik. Die Straßenbahn
Nr. 15 poltert in den Arbeitervorort Liben. Wo Wohnblocks stumpf
vor sich hin starren, bringt eine bemalte Mauer Farbe ins Einerlei.
Prags Denkmal für Bohumil Hrabal. Arthur Schnabel liest Passagen
aus einer Erzählung, dann packt er sein Buch wieder ein.
Auf „authentischem Territorium" in einem
ehemaligen Séparée im Luxus-Hotel Paris öffnet
der Literatur-Scout noch einmal ein Hrabal-Kapitel. Die erotischen
Abenteuer des Pagen in dem Schelmenroman „Ich habe den englischen
König bedient" spielen in den Hallen und Lustkammern des
herrschaftlichen Etablissements. Auch wenige Schritte entfernt perlte
der Champagner. Neben dem Pulverturm zweigt eine Gasse mit grünen
Schaufenstern ab. Anfang des 20. Jahrhunderts inspirierte Literatem
in dem Edelbordell die Farbe Rot. Kisch, Kafka & Co ließen
sich im „Gogo" in die käufliche Liebe einführen.
„Es brodelt und kafkat, es werfelt und loscht", soll
Karl Kraus aus dem fernen Wien über die „Provokateure"
Brod, Kafka, Werfel und Kisch gespottet haben. In Wirklichkeit hatte
der „rasende Reporter" Egon Erwin Kisch das Zitat selbst
in Umlauf gebracht. Um den Zeilen Aufmerksamkeit zu verleihen, jubelte
das Schlitzohr den Satz seinem berühmten Intimfeind an der
Donau unter.
Im Café „Acor" war die schreibende
Zunft wieder unter sich. Bis zum 1. Weltkrieg war das Kaffeehaus
die gute Stube der deutsch-jüdischen Literaten. Heute ist der
Geist des Kaffeehauses in einem Plastik-Interieur erstickt, das
jedem Bleistift die Spitze nimmt. Karl Kraus konnte es nicht lassen:
In Prag vermehren sich die Schriftsteller „wie Bisamratten"
stichelte er. In der Tat, Prag war eine ergiebige Geistesküche
für links-bürgerliche Intelligenzler wie Jaroslav Hasek
("Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk"). Kraus nannte
den Außenseiter einen "närrischen Sonderling ".
Ganz Unrecht hatte er nicht. Der geistige Vater des nur scheinbar
einfältigen Soldaten Schwejks trieb sich oft auf dem Karlsplatz
herum. Eine kleine Büste an einem Mietshaus in der Skolska
16 erinnert an den Erzähler, der nachts am Karlsplatz als Hundefänger
unterwegs war.
Haseks Roman-Helden spiegeln die Prager Unterschichten
mit ihrem Witz wieder. Damit schien der Eulenspiegel der Tschechoslowakei
das Gegenteil nicht nur des lebensängstlichen Franz Kafka,
sondern auch des geschäftstüchtigen Egon Erwin Kisch zu
sein. Dem saß der Schalk aber ebenfalls im Nacken. Als im
ehemaligen jüdischen Ghetto Josefstadt das Gerücht umging,
Rabbi Löws Menschmaschine „Golem" hause immer noch
in der Altneusynagoge, inszenierte der Reporter eine spektakuläre
Suchaktion. Er fand nur zwei Fledermäuse, schrieb aber darüber
acht Seiten.
Manfred Lädtke
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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