Mährische Farbenlehre
Es gibt eine Gegend, die liegt in der Mitte Europas und trotzdem
ganz am Rand. Große Dichter wurden dort geboren, doch erinnert
man nur die Orte ihres Todes. Mähren ist etwas für
lahme Wanderer, für schnelle Leser und sentimentale Weinschlürfer.
Kein Wunder, dass diese Reise den Sonntag-Aktuell- Touristik-Preis
gewonnen hat.
Den Svjatek, den kann man nicht vergessen. Nach einer mühsamen
Morgenwanderung über die nebelverhangenen, rutschigen Bergpfade
der Palava, empfängt er uns in seinem zugemüllten Winzerhäuschen.
Und mittendrin dieser lange, schwarze Holztisch, den Svjatek
wie ein vorzeitliches Kultobjekt umtanzt, dabei verschämt
lachend, sich abwechselnd den Bauch streichelnd und auf die Stühle
zeigend. Sedneti si, prosim, bittet er uns, setzen sollen wir
uns – und zwar schnell. Vielleicht, weil wir viele sind
und zudem hungrig und durstig dreinschauen und das immer die
allerbesten Voraussetzungen für eine ganz normale mährische
Schmauserei sind. Dann wird aufgetragen: Weißbrot, Kesselfleisch
und reichlich bilé vino, weißen Landwein von Svjatek.
Einige Sonnenstrahlen plagen sich durch die verstaubten Fenster
hinein, um der schwachen Glühbirne beizustehen. An den Wänden
hängen die Reliquien eines mährischen Zynikers: religiöser
Wallfahrtskitsch und Plunder aus realsozialistischen Zeiten.
Madonnen und Kruzifixe auf der einen, Helden der Arbeit und rote
Sterne auf der anderen Seite. Svjatek glaubt an beides nicht
mehr. Mit seinen 52 Jahren hat der ehemalige Schauspieler und
Lyriker aus Brno den Glauben an Ideologien und Religionen irgendwo
im Weinberg seines Vaters verloren, den er hier in der Palava
zum Erhalt eines bescheidenen, aber zwanglosen Lebens bewirtschaftet.
Ein intellektueller Bauer, im besten Wortsinne. Na zdravi, zum
Wohl, prosten wir uns zu. Überm Eingang baumeln getrocknete
Maiskolben, und eine struppige Katze putzt sich das Gesichtchen.
Svjatek holt einige Gedichtbände, mit Pathos liest er Eigenes
und Fremdes vor, und Lenka, unsere tschechische Reisebegleiterin, übersetzt
so frei wie es nur geht. Der Raum und unsere Ohren füllen
sich mit Konsonanten, R-Laute rollen klangvoll wie große
Weinfässer durch den Keller. Und irgendwann verlässt
man Svjateks kreatives Chaos, lässt man Mähren nach
einer Woche der Wanderungen, Begegnungen und Lesungen hinter
sich. Wartet in der Schalterhalle eines kleinen Bahnhofs auf
den Schnellzug nach Wien.
Und nimmt Bilder mit nach Hause, die nicht einmal das beste
Kameraobjektiv je hätte einfangen können. Im geistigen
Gepäck – Erinnerungsgemälde mit satt aufgetragenen
Pinselstrichen und darunter hervorblinkenden Versen und Sätzen.
Als habe ein unbekannter Maler keine Leinwand zur Hand gehabt,
sondern eine riesige Buchseite, voll der Gedichte und Geschichten,
die aus Mähren stammen und von Mähren erzählen.
Tagelang waren wir in Südmähren unterwegs gewesen.
Durchstreiften die Bücher, die Wälder und Städte,
schüttelten viele Hände, streichelten viele Schafe
und Katzen, überwanden karstige Anhöhen und Berge von
Knödel. Mähren war eben ein bisschen so wie Svjatek
selbst, wie sein schwarzer Tisch, wie das Gelb seines Weines
und der Maiskolben, schließlich wie das Meer der Sehnsucht
in seinen hellen Augen. Eine kleine Rhapsodie in Blau. In Schwarz
und Gelb.
Also blau. Wie jene Stunde, als die Sonne zwischen aufgescheuchten,
aber noch schüchternen Regenwolken langsam über den
Dächern von Brno niedersinkt und der ganzen Stadt einen
azurnen Anstrich verleiht. Hoch droben sitzen wir, in einem Dachcafé eines
gar nicht bescheidenen Renaissancebaus mit freiem Blick über
die Dächer der mährischen Hauptstadt und unsere 18
Tassen mit Großen und Kleinen Braunen, die vor uns auf
den Tischen famos wienerisch dampfen. Zum warmen Blau des Gewitterhimmels
gesellen sich Robert Musils eisig blaue, von
scharfem Intellekt durchdrungenen Sätze aus seinem Roman „Der
Mann ohne Eigenschaften“, woraus Arthur, unser begeisterter
Literat und Reiseführer, irgendwann zu Beginn unserer einwöchigen
Reise durch Mährens Städte und Dörfer vorträgt.
Andächtig liest er vor, und wir rücken zusammen. Die
ersten Tropfen ploppen gegen die Scheiben. Die Kellner wundern
sich, denken wohl an etwas spontan Sektiererisches und lassen
uns in Ruh’. In Brno, dem einstigen Brünn, welches
das Vorbild „der großen Provinzstadt“ im Meisterwerk
abgeben könnte, verbrachte
Musil wie auch sein sonderbarer Held Ulrich „kleine, aber
wenig angenehme Teile seines Lebens“, eben die Jugendzeit.
„ Diese Stadt hatte eine Geschichte, und sie hatte auch
ein Gesicht, aber darin passten die Augen nicht zum Mund oder
das Kinn nicht zu den Haaren, und über allem lagen die Spuren
eines stark bewegten Lebens, das innerlich leer ist.“ Tatsächlich
fällt es
bei den Spaziergängen schwer, sich in das wuselige Zentrum
der Textilindustrie auf den ersten oder gar zweiten Blick zu
vergucken. Man bleibt unberührt, hier, auf halbem Weg nach
Irgendwo, wo 1993 die friedliche Trennung Tschechiens und der
Slowakei besiegelt wird; wo die meisten der 400 000 Einwohner
nach Feierabend in unheimlichen Satellitenvorstädten verschwinden;
wo zwischen weiträumigen Plätzen und den quietschenden
Straßenbahnen höchstens die Ahnung der nervösen,
kulturtrunkenen Metropolen Wien und Prag erspürt wird. Einzig
in diesen blauen Minuten gewinnt sogar das wenig harmonische
Gesicht Brnos einen gewissen Reiz.
Und es wird schwarz. Schwarz wie die Trauer, die einem in Boskovice
ins Herz kriecht, wo Tage später Herr Bránsky auf
uns wartet, am Tor zum alten jüdischen Getto. Boskovice
liegt etwa 40 Kilometer nördlich von Brno und gilt als „mährisches
Jerusalem“, weil hier seit dem 18. Jahrhundert bekannte
Talmudisten aus ganz Europa lehrten. Herr Bránsky, der
Historiker, ist 80 Jahre alt und hat das Ende der Judenstadt
selbst erlebt. Er zeigt uns das ganze Viertel, die Synagoge,
den jüdischen Friedhof. Am Elternhaus des fast vergessenen
Hermann Ungar bleiben wir stehen. Seine Erzählweise weist Ähnlichkeiten
mit dem Werk des Zeitgenossen Kafka auf: Angstzustände,
Schuld und Willkür durchziehen seine Prosa wie ein dunkelroter
Faden. Wieder eine Lesung, aber diesmal tut man es im Stillen,
auf einer Bank oder einem Mauervorsprung.
Ungar ereilte die Gnade des frühen Todes, und so musste
er nicht denselben Wahnsinn durchleiden, der seiner Familie und
den anderen Boskovicer Juden angetan wurde, als sie 1942 nach
Theresienstadt deportiert wurden. In Mikulov, dem früheren
Nikolsburg, unweit der österreichischen Grenze, liegt der
jüdische Friedhof etwas versteckt am Hang über der
Stadt. Jemand aus unserer Gruppe entdeckt zwischen den Gräbern
einen Baum, dessen Krone sich unter der schweren, süßlich
duftenden Last biegt. Vielleicht ist es noch derselbe Stamm,
den der bekannteste mährische Dichter Jan Skácel
in seinem Gedicht auf diesen morbid- schönen Ort besingt: „Die
ernte ist überreif und fällt ab / Unzählige kleine
sonnen rollen durchs gras / beim grab von Simon
und Rebekka / mit spinnenschrift / trug sich die zeit hier ein
in die steine.“
Die dunklen Töne von der Palette dominieren, doch können
sie nicht die goldenen, kakanisch gelben Tupfer übertünchen,
die ü berall dem Auge schmeicheln. Das würzige tschechische
Bier Starobrno, der kräftige Wein von den Rebhängen
der Palava und die Palatschinken, die in Wirtsstuben fettig glänzen.
Und natürlich ist da noch diese wie eine Strudelkruste
dahinblätternde Fassade von Schloss Zdislavic: der Geburtsort
von Marie von Ebner-Eschenbach. Wenige Schritte entfernt thront
das restaurierte Mausoleum der 1916 verstorbenen Schriftstellerin
in einem idyllischen Garten. Eine Seltenheit, handelt es sich
doch um das erhaltene Grab einer Österreicherin. Die Spuren
der deutschsprachigen Kultur findet man in Mähren meist
auf Papier oder mündlich überliefert – die deutschen
Friedhöfe wurden hingegen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
zerstört.
Eigentlich kann man das Gebäude gar nicht betreten. Doch
Arthur, unser Reiseführer, kennt wieder einmal jemand, der
wiederum jemand kennt, der einen Schlüssel besitzt, und
dieser Schlüssel öffnet ein Schloss in einem Seitentrakt.
Bis vor kurzem
war im Schloss eine psychiatrische Anstalt untergebracht, in
den hohen, kahlen Räumen hängt noch der Geruch von
Desinfektionsmitteln. Dann die Überraschung: Hinter einer
schmucklosen Tür wartet eine andere Welt, der lange Ballsaal.
Dessen Stuckverzierungen, Spiegelwände und blasse, antikisierende
Fresken beschwören immer noch eine so ferne Zeit herauf.
Auf diesem Laufsteg des mährischen Hochadels darf man erahnen,
welchen weiten Weg die hochwohlgeborene Ebner-Eschenbach mit
ihren liberalen, die Klassen versöhnenden Erzählungen
wie „Die Großmutter“ einst gegangen war. Heute
tanzen nur noch die Fliegen närrisch an den Fenstern.
Am Ende dieser literarisch-kulinarischen Wanderwoche durch die
blaue, schwarze und goldgelbe mährische Provinz steht man
also ermattet, mit verschlammten Stiefeln auf einem mittelprächtigen
Bahnhof in Breclav. Erinnert sich an die kräftigen Pinselstriche.
An die Berge der Palava mit ihren blökenden Schafen, die
wieder im Nebel verschwinden, der vom Thajer-Stausee aufsteigt.
An Svjatek, der sich wahrscheinlich noch an einem Vers versucht
und doch heimlich den verlorenen Sozialismus beweint. An Herr
Bránsky, der nochmals im Boskovicer Stadtarchiv nach jüdischen
Spuren stöbert und noch ein paar gesunde Jahre erhofft.
Und in einer Mikulover Pivnica bekommt gerade ein hungriger Mensch
sein wohlverdientes Biergulasch mit den luftigen Serviettenknödeln
auf den Tisch. Der Schnellzug nach Wien hat leider keine Verspätung.
von Tomo Pavlovic, aus SONNTAG AKTUELL
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
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