Zum
Nachtisch gibt es Rilke
Bayerisch Eisenstein -Treffpunkt: der alte Bahnhof. Schon das ist
ein Augenschmaus. Der Bahnhof, zur Zeit des Eisernen Vorhangs auf
tschechoslowakischer Seite noch mit Brettern vernagelt und mit Stacheldraht
gesichert, strahlt wie zur Zeit seiner Gründung, als das Königreich
Bayern und die k.u.k. Monarchie diese Bahnstation mittig auf die
Grenze ihrer Länder setzten. Der Grenzübertritt auf dem
Bahnsteig ist locker, der Empfang durch den tschechischen Grenzbeamten
in melodischem, böhmisch gefärbtem Deutsch heiter und
ohne Aufhebens.
Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs hat sich Erwin Aschenbrenner
auf Kultur- und Erlebnisreisen in Böhmen spezialisiert. Der
Regensburger Kulturwissenschaftler, aufgewachsen im Bayerischen
Wald, hat mit der Arbeit „Ist Tourismus Kolonialismus?"
promoviert. Er kam nach der Grenzöffnung mit dem Rad so früh
in den Böhmerwald, dass die Grenzwächter ungläubig
staunten, wenn er in ihre Baracken trat. Manche Holzhütten
waren im militärischen Sperrgebiet schon verlassen, in einer
stand nur noch ein Huhn auf dem Schreibtisch. Aschenbrenner wurde
zum profunden Böhmenkenner, stieg vom Rad auf die Ski und ins
Kanu, packte den Rucksack und begab sich auf Kulturwanderungen in
der bayerisch-böhmischen Grenzregion. Nun bietet er dort mit
seinem Unternehmen insgesamt fünf „LiteraTouren"
an. Im internationalen Urlaubsgetriebe ist das sicher das genaue
Gegenteil des Ballermann-Tourismus auf Mallorca.
Unsere 14-köpfige Reisegruppe, alle reiferen Alters, ist für
jedes Wetter gut gerüstet und im Laufen und Lesen bestens trainiert.
Radka Neu Gilová, eine charmante und viel belesene Germanistik
und Philosophiestudentin, teilt sich die Reiseleitung mit Arthur
Schnabel, einem Regensburger Historiker, Literaturwissenschaftler
und grandiosem Vorleser. Er ist der Pfadfinder auf den Spuren der
Dichter, die entweder in dieser Region zu Hause waren oder sich
literarisch mit ihr auseinander gesetzt haben: Goethe, Klostermann,
Stifter, Kafka, Rilke, Hrabal. Ihre Werke lässt Schnabel an
Ort und Stelle lebendig werden. Ausgangspunkt für die LiteraTouren
ist ein ehemaliges Forsthaus auf der in 1150 Meter Höhe gelegenen
Hochebene von Filipova Hut (Philippshütten). Die Zimmer sind
einfach , die Speisen böhmisch schlicht und das Bier köstlich.
Als Nachspeise gibt es Literarisches von Bohumil Hrabal und Rainer
Maria Rilke aus „Böhmische Schlendertage". Arthur
Schnabel liest einfühlsam. „Selten so ein wohltuendes,
angenehmes Müdewerden erlebt", lobt da der mitgewanderte
Hofrat aus Wien, ein belesener Stifter-Verehrer, und bestellt sich
noch ein Budweiser.
Am nächsten Tag regnet es in Strömen.
Das Thermometer ist auf acht Grad gefallen. Es wird trotzdem unverdrossen
auf Dichters Spuren gewandert. Und es macht wider Erwarten Spaß.
Denn so, im direkten Kontakt mit Natur und Wetter und im Angesicht
des Lusen (1373 m), kann man die Karel Klostermann-Geschichte über
das harte Leben der Holzfäller viel besser nachvollziehen als
beim Lesen in der warmen Stube. Überhaupt Klostermann: Er gilt
neben Stifter - als der Autor des Böhmerwaldes, der allerdings
lange Zeit im deutschsprachigen Raum zu gut wie nicht zur Kenntnis
genommen wurde. Der Grund: Der aus Bergreichenstein stammende Dichter
schrieb bevorzugt tschechisch. Erst jetzt erlebt das Werk Klostermanns
eine wahre Renaissance. Leute, die schon alles gesehen haben, zivilisationsgeplagte
Stadtmenschen, sollten einmal in die „beglückende Menschenleere",
die herbe Waldherrlichkeit wandern, dorthin, wo kein Handy funktioniert.
Menschen, die sich der Literatur nahe fühlen, sollten gerade
diese noch weitgehend unberührte Landschaft besuchen, die wie
kaum eine andere durch die Dichtungen Adalbert Stifters zu einer
magischen kleinen Welt geworden ist.
Von Horst Hanske
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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