Die
Stille des Holunders
Als Böhmen noch bei Österreich war
Lang sind die mährischen Dörfer. Das
vor allem. Als grau-gelbe Bänder, getupft mit grünen Baumpunkten,
ziehen sich die Häuschen einer schmalen Straße entlang.
Auch Dorfplätze gibt es kaum, so dass die kleinen Kirchen meist
am Straßenrand stehen. Die Schönheiten eines mährischen
Dorfes entdeckt man am ehesten hinter den Häusern. Da findet
man wunderbare Gärten, umgrenzt von Schwertlilien und beschattet
von Kirschbäumen, die schon im Mai Früchte tragen. Kommt
man schließlich doch an das Ende eines mährischen Dorfes,
dann beginnt die Allee wie eine grüne Fortsetzung der Häuschen,
kilometerlang knorrige Apfel- oder Kirschbäume.
„Böhmen und Mähren", so hieß es schon,
als Böhmen noch bei Österreich war. Und schon damals war
Böhmen vorn und Mähren hinten. Von Prag aus nahm sich
die ländliche Region zwischen Böhmen und der Slowakei
immer ein wenig zurückgeblieben aus. Hier war man katholisch
im Gegensatz zum hussitischen Böhmen, und auch die Konflikte
mit den Habsburgern wogen weniger schwer. Nach 1918 hatte Mähren
wiederum nicht viel zu sagen zwischen den beiden lauten Polen Böhmen
und Slowakei. Jan Skácel, der mährische Dichter, hörte
eine eigene mährische Hymne zwischen der tschechischen und
der slowakischen: die „Stille". In der Stille muss man
nicht schreien, um gehört zu werden. Vielleicht hat dieses
Land deshalb so viele leise Dichter hervorgebracht, Lyriker wie
Erzähler. Es lohnt sich, ihren Spuren nachzugehen. Manche sind
heute vergessen: der jüdische Journalist Jakob Julius David
mit seinen Dorferzählungen oder der verarmte Offizier Ferdinand
von Saar mit seiner dunkel glühenden Erzählkunst. Abgeschoben
als unzeitgemäße Dichterin von Demut, Treue und Verzicht
auch die größte mährische Erzählerin, Marie
von Ebner-Eschenbach. Sie hat den größten Teil ihres
Lebens in Mähren verbracht, in Schloss Zdislavice.
Zdislavice ist ein Dorf südöstlich der mährischen
Hauptstadt Blmo, dem früheren Brünn, und hat ein Schloss.
Oder sollte man sagen, das Schloss hat ein Dorf? Mährische
Dörfer haben fast immer ein Schloss, und vielleicht sehen sie
deshalb so grau aus: Alle Lebensfreude hat das Schloss verbraucht.
Ein Kontrast, der die Ebner-Eschenbach ihr Leben lang beunruhigte:
Einige ihrer Geschichten beschreiben die parasitäre Adelsgesellschaft
und ihre Landarbeiter, als ob sie von Gerhard Hauptmann wären.
1916 ist sie hier gestorben, im gleichen Jahr und aufs Jahr genau
so alt wie Kaiser Franz Joseph I..Die Zeit des Adels und der Schlösser
war zu Ende. Heute steht das Tor offen. Ein Gärtner mäht
die weiten Parkwiesen, auf denen sich einige ältere Herrschaften
bewegen. Ihre Trainingsanzüge wollen nicht recht zu den antiken
Tempelchen passen. In der Halle unter der Nase einer steinernen
Flora stapeln sich Rollstühle. Wie so viele Schlösser
ist auch Zdislavice in sozialistischer Zeit in ein Altenheim verwandelt
worden. An die einstige Schlossherrin erinnert eine Büste:
schwere Gesichtszüge, würdig einer alten Bäuerin,
nicht einer dichtenden Adligen.
Irgendwo ist hier auch die Gruft der Ebner-Eschenbach. Die Pflegerin
führt durch meterhohe Brennnesseln und erzählt: Wieder
steht ein Umbruch bevor. Bald werden die 85 Alten ausziehen müssen.
Zdislavice wird dem letzten Eigentümer zurückgegeben.
Auch bei Schloss Rajec im mährischen Karst nördlich von
Brünn klopfen frühere Eigner ans Tor. Was dann wohl aus
der wunderbaren Bibliothek wird, in der schon der arme Poet von
Saar stöberte? Früher gehörte Rajec der Familie Salm-Reifferstein,
die dem Dichter hier oft Obdach gewährte. Die Salms waren nicht
bloß Kunstmäzene, sondern auch Industrielle. 1830 legten
sie im Städtchen Blansko im Svitava-Tal die Grundlage für
die mährische Eisenindustrie. Die weltberühmte Marienbader
Kolonnade stammt von hier. Die Stadt ist ein seltsamer Zwitter aus
Industrie und Tourismus. Sie liegt im Zentrum des mährischen
Karstes, einer reizvollen Waldlandschaft mit fantastischen Höhlensystemen.
In dieses Naturreservat brach nach 1945 die Industrie, als der Staat
es an der Zeit fand, die mährische Stille zu unterbrechen.
Jetzt zieht sich Fabrik an Fabrik durch das malerische Tal. Der
grausige Höhepunkt dieser Zwangsindustrialisierung ist das
ehemalige Holzfällerdorf Adamov. Zweifach gestaffelt wachsen
die Plattenbauten die bewaldeten Hänge hinauf. Eine Betonstadt,
in der, einmalig im kneipenfrohen Tschechien, auch nach längerer
Suche keine Bierkneipe aufzutreiben ist.
Lieber zurück unter die Schatten der Apfelbäume. Sie führen
hinaus aus dem Karst und durch eine bunte Wiesen- und Hügellandschaft
ins Städtchen Boskovice. Hier ist die Traurigkeit nicht betoniert,
hier lebt sie in alten Häusern, was ihr viel besser steht.
Einst war Boskovice fast ein Stetl: Die Hälfte der Einwohner
waren Juden. Ein Tor des Ghettos steht noch und auch die niedrigen,
schutzsuchend aneinander gereihten Häuschen. Boskovice war
das wichtigste Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in Mähren.
Hier wehrte sich strenge Orthodoxie lang gegen die misstrauisch
beäugte assimilatorische Aufklärung, der Haskala.
Wem es zu eng wurde, der ging fort - am besten
nach Prag. Auch Hermann Ungar, der Sohn des jüdischen Bürgermeisters.
Mit 35 Jahren ist er dort gestorben. Hinterlassen hat er ein schmales
Werk, das von der Angst handelt. Die wenigen, die ihn kennen, nennen
ihn gern einen zweiten Kafka. Immerhin, in Boskovice erinnert eine
Büste an ihn, und ein kleines Museum beschwört alte Zeiten
herauf. Den Schlüssel zur Vergangenheit aber hat Herr Buric.
„Geradeaus, neue Straße, scheene Heiser. Dort, ja."
Dort, das ist eine Reihenhaussiedlung, die vom relativen Erfolg
des tschechischen Kapitalismus kündet. Die Garagen bergen neue
Škodas und Toyotas. Eine haben sie zur Kneipe umfunktioniert.
Die Heimat des Törleß
Hinter dem tschechischen Modell Zukunft beginnt die Vergangenheit:
der schönste jüdische Friedhof von Böhmen und Mähren.
Wie in einem Amphitheater klettern Grabsteine den geschwungenen
Hang hinauf, als ob sie ihren Genossen im Talgrund beim Schauspiel
des Versinkens zusehen möchten. Abendlicht sickert durch riesige
alte Bäume auf die Steine. Die Namen erinnern daran, dass sich
die Juden hier der deutschen Sprache und Kultur zugehörig fühlten.
Wie viele berühmte Dichter kamen aus der mährischen Provinz?
Und wie viele Autoren zogen von hier in die Vergessenheit? Die deutschsprachige
Dichtung Prags wäre nicht möglich gewesen ohne die Namen
auf den alten Grabsteinen von Städtchen wie Boskovice.
Oder von Hranice, dem früheren Mährisch-Weißkirchen.
Das hübsche Städtchen liegt am Rand der Hanna, der fruchtbaren
mährischen Ebene. Neben Rüben und Kartoffeln wurde hier,
im stillsten Winkel des Reiches, der Offiziersnachwuchs der k.u.k.-Monarchie
herangezogen. In Mährisch-Weißkirchen stand die Kadettenanstalt,
in der auch die Zöglinge Rainer Maria Rilke und Robert Musil
Bekanntschaft mit dem Drill machten. Rilke floh nach drei Monaten,
Musil hielt durch und machte die Stadt mit seinem Erstling „Die
Verwirrungen des Zöglings Törleß" zum Ort der
Weltliteratur. Später bildete auch die Tschechoslowakei hier
ihre Offiziere aus. Und immer noch lastet die Verlorenheit, die
Törleß und seine Kameraden zu ihren pubertären Machtspielen
trieb, auf den Gebäuden.
Auch Josef Roth lässt seinen Habsburger-Roman „Radetzkymarsch"
in der „kleinen Bezirksstadt W. in Mähren" beginnen
- mit einem Konzert der Militärkapelle auf dem Marktplatz.
Bis auf ein modernes Gebäude sieht der arkadenumstandene Platz
heute aus wie damals. Und Kaiser Franz Joseph sieht in vergoldeter
Väterlichkeit auf die kleine historische Ausstellung im Rathaus
herunter. Und dann hört man es: bidi bim, bidi bim, bidi bim
bim bim - „wenn der Hund /mit der Wurscht /übern Randstein
springt..." - die berühmten Takte des Radetzky-Marsches.
Sie hüpfen von einer Lochplatte, die die Museumswärterin
aufgelegt hat, zu Ehren des seltenen Besuches.
Dem ewigen Österreich begegnet man auch in den großen
Städten Olmütz und Brünn. Die mährische Hauptstadt
Brno ist eine Kopie der großen Schwester Wien. Natürlich
haben sie eine Kapuzinergruft hier, noch schöner und schauerlicher
als in der Kaiserstadt. Dennoch hat sich Brno eine ganz eigene Identität
geschaffen. Unbelastet von Traditionen konnte sich hier in der mährischen
Provinz die Moderne konsequenter entfalten als in Wien oder Prag.
Brno war die Hauptstadt des berühmten tschechischen Funktionalismus
der zwanziger Jahre. Die meisten Zeugnisse dieser aufregenden Architekturepoche
finden sich hier: Messegelände, Studentenheime, Hotels und
wie elegante Schiffe aussehende Privatvillen. Vieles ist arg ramponiert.
Stahl und Beton altern nicht in Würde. In ihre sachliche Eleganz
kann die Zeit keine Chiffren schreiben, sie zerstört sie nur.
Nicht zufällig, so scheint es, stammen zwei berühmte Chronisten
des fragwürdig gewordenen Fortschritts aus dieser Stadt. Robert
Musil hat hier seine Jugend- und Studentenjahre verlebt. Und Milan
Kundera ist in dieser Stadt geboren und hat die bekannte Filmhochschule
besucht. Ihren Ruhm haben sie sich woanders erschrieben: in Wien
und Berlin, in Prag und Paris.
Einer aber ist geblieben, und darum kennt und hebt man ihn nur hier,
in Mähren. Vor einem unscheinbaren Mietshaus blickt ein großes
metalldunkles Gesicht von der Wand: Hier hat Jan Skácel,
der mährische Lyriker, bis zu seinem Tod 1989 eine leise Existenz
zwischen Rundfunkarbeiten und Schreibverboten geführt. Seine
bildreichen und tiefgründigen Gedichte sind ein Plädoyer
für die Stille, für die mährische Stille zwischen
grauen Dörfern und bunten Wiesen. Rainer Kunze hat sie kongenial
ins Deutsche übertragen: in den scheunen trocknet aufgehängte
stille / die bären meiner träume nahmen alle bienenstöcke
aus / die zeit blieb stehn in ferner zukunft /und bleibt vergangen
auf der tenne hinterm haus.
Arthur Schnabl
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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